Wie umweltfreundlich sind "schadstoffarme Lacke"?

Was ist eigentlich ein Lack?

Ein Lack ist ein flüssiger, pastenförmiger und pulverförmiger Beschichtungsstoff. Es gibt unzählige Lacke mit den unterschiedlichsten Inhaltsstoffen. Dabei lassen sich vor allem vier Stoffgruppen unterscheiden
  • Lösemittel (organische Lösemittel und/oder Wasser)
  • Bindemittel
  • Farbpigmente
  • Zusatzstoffe wie Konservierungsmittel, Entschäumer, Füllstoffe
Lacke bilden auf der zu schützenden Oberfläche eine weitgehend wasser- und luftundurchlässige Schicht, die als Lackfilm bezeichnet wird. Der Schluß "Natur = gesund, Chemie giftig" trifft auch in der Lackindustrie nicht zu. Wie gefährlich auch Naturprodukte sein können, zeigen viele Beispiele (Giftpilze, giftige Pflanzen, Asbest, Schwermetalle). Auch die in den "Biolacken" enthaltenen Lösemittel, die aus Hölzern oder Zitrusfrüchten gewonnen "Naturöle" Terpentin und Limonen sind keineswegs ungefährlich.

Ein nach Orangen oder Zitronen riechender Lack sagt nichts darüber aus, ob das Produkt unbedenklich ist. Der menschliche Körper unterscheidet nicht zwischen "synthetischen" und "natürlichen" Lösemitteln. Auch in ihrer Wirkung auf die Umwelt, vor allem als Vorläufersubstanz für die Bildung von Sommersmog und Ozon, unterscheiden sich "synthetische" nicht von "natürlichen" Lösemitteln. Terpentinöl beispielsweise, ein natürliches Lösemittel, gehört hierbei zu den reaktivsten chemischen Substanzen in der Luft. Die Empfehlung, während des Trocknens von Lackierungen und Anstrichen die Fenster zu öffnen und für Frischluft zu sorgen, gilt für alle Lacke und Farben - auch für die fälschlicherweise als "Biolacke" bezeichneten Produkte.

1. Behauptung: Naturharze sind die wahren Öko-Lacke.

Sie sind ökologisch günstiger zu beurteilen und damit umweltfreundlicher als konventionelle Umweltzeichen-Lacke, da sie auf Basis nachwachsender Rohstoffe hergestellt werden. Naturharzlacke enthalten meist wesentlich mehr Lösemittel als Umweltzeichen-Lacke, entweder Terpentin- oder Orangenschalenöle, die allergene Wirkungen haben können. Sie können Isoaliphate enthalten, die aus der Erdölchemie stammen und keineswegs nachwachsende Rohstoffe sind.

Unsere Antwort:
Neben den gesundheitlich relevanten Aspekten von Lösemitteln tragen diese auch ganz erheblich zur Bildung von bodennahem Ozon und damit zur Entstehung von Sommersmog bei. Bei der Entscheidung von Umweltschäden ist es unerheblich, ob der Grund natürliche, chemisch modifizierte oder synthetische Lösemittel sind. Die in Naturharzlacken enthaltenen Terpene reagieren im Vergleich zu anderen organischen Lösemitteln sogar besonders schnell. Gegen die Bildung von Sommersmog hilft nur die deutliche Verringerung der Lösemittelgehalte. Terpentinöl wird aus Nadelhölzern gewonnen. Pro Stamm wird mit 2 - 3 Kilogramm Terpentin gerechnet. Eine ökologische Bewertung dieser Rohstoffgewinnung wurde bisher noch nicht durchgeführt.

Darüber hinaus ist zu bedenken, daß Produkte aus der Natur heute nur selten in unveränderter Form verwendet werden, sondern häufig chemisch modifiziert (z.B. Titandioxid, Leinöl oder Trockenstoffe) sind. Der Unterschied zwischen Naturharzprodukt, modifiziertem Naturharzprodukt bzw. Kunstharz ist fließend, eine strenge Abgrenzung kaum möglich. Die Bezeichnung Naturharzlacke ist nicht geschützt. Deshalb ist auch nicht auszuschließen, daß diese auch für Naturharzprodukte mit modifizierten Bestandteilen verwendet wird.

2. Behauptung: Umweltzeichen sind mißverständlich

Das Umweltzeichen für "Schadstoffarme Lacke" ist mißverständlich, weil es dem Verbraucher eine absolute Umweltfreundlichkeit suggeriert, die diese Produkte in Wirklichkeit nicht aufweisen. Denn es werden ja nicht schadstoffreie, sondern nur schadstoffarme Lacke ausgezeichnet. Die Auszeichnung mit dem "Blauen Engel" verführt somit zu sorglosem Umgang mit den Produkten.

Unsere Antwort: Das Umweltzeichen kann immer nur eine relative Aussage über die Umweitfreundlichkeit von Produkten treffen. Es kennzeichnet die Produkte mit den deutlich besseren Umwelteigenschaften, die gegenüber den vergleichbaren Erzeugnissen die Umwelt erheblich weniger belasten. Für den umweltbewußten Verbraucher ist der Kauf von Produkten mit dem Umweltzeichen deshalb Gewähr dafür, zu diesem Zeitpunkt das Bestmögliche zur Entlastung der Umwelt getan zu haben.

Das Umweltzeichen für "Schadstoffarme Lacke" hat erheblich dazu beigetragen, den wasserverdünnbaren Lacken (Lösemittelgehalt ca. 10% im Gegensatz zu 40% bei herkömmlichen Lacken) zum Durchbruch zu verhelfen. Derzeit beträgt der Marktanteil der Lacke mit Urnweltzeichen im Segment Bautenlacke für Do-it-Yourself-Bereich etwa 70%. 1993 betrugen in Deutschland die Lösemittel-Emissionen aus konventionellen Alkydharzlacken (Verbrauch: 80.500 Tonnen) mit einem Lösemittelgehalt von durchschnittlich 40% ca. 32.000 Tonnen, aus Dispersionslacken (Verbrauch: 45.000 Tonnen) hingegen mit einem 1 Lösemittelgehalt von durchschnittlich 8% ermittierten nur 3.600 Tonnen Lösemittel. Somit tragen die wasserverdünnbaren Lacke aufgrund ihres geringen Lösemittelgehaltes erheblich zur Verringerung der Umweltbelastung durch Lösemittel und damit auch zur Verringerung von bodennahem Ozon bei. Dies wirkt sich auch positiv auf die Belastung von Innenraumluft aus.

Dispersionswandfarben und "schadstoffarme Lacke"

Häufig wird bemängelt, daß die lösemittelfreien Dispersionsfarben für den Innenwandbereich das Umweltzeichen nicht erhalten, während die lösemittelarmen Dispersionslacke / Acryllacke das Zeichen bekommen können, Hier werden allerdings Birnen mit Äpfeln verglichen. Dispersionsfarben gehören zu einer anderen Produktgruppe. Sie sind für das Lackieren (z.B. von Fenstern und Türen) nicht geeignet, da sie keinen zum Schutz von Oberflächen erforderlichen geschlossenen Lackfilm erzeugen.

Verarbeitung von Umweltzeichen-Lacken

Selbstverständlich darf auch mit einem Lack, der das Umweltzeichen trägt, trotz der erheblich reduzierten Schadstoffbelastung nicht sorglos umgegangen werden. Hersteller von Umweltzeichen-Lacken sind verpflichtet, bestimmte Hinweise für die Verarbeitung und Entsorgung ihren Kunden mitzuteilen. Dazu gehört zum Beispiel:
  • "Während und nach der Verarbeitung für gründliche Belüftung sorgen!"
  • "Nicht in die Kanalisation, Gewässer oder Boden gelangen lassen!"
  • "Nur restentleertes Gebinde zum Recycling geben!"
  • "Flüssige Materialreste bei der Sammelstelle für Altlacke abgeben!"

3. Behauptung: Die Anforderung an schadstoffarme Lacke durch die Vergabegrundlage sind nicht streng genug.

So dürfen Lacke mit dem Umweltzeichen immer noch 15% Lösemittel enthalten. Darüber hinaus werden die Gesichtspunkte der Gebrauchstauglichkeit und der Sicherheit nicht ausreichend berücksichtigt.

Unsere Antwort:
Die Vergabegrundlage für Umweltzeichen-Produkte wird entsprechend dem jeweils besten Stand der Technik entworfen. Für die Überarbeitung der Vergabegrundlage RAL-ZU 12a "Schadstoffarme Lacke" wurden zudem ca. 1100 dem Umweltbundesamt vorliegende Rezepturen ausgewertet. Entscheidend ist jedoch auch, daß das Umweltzeichen keine unrealistischen, sondern gerade noch erreichbaren Anforderungen festlegt, da es sonst keinen Anreiz für die Hersteller bietet. Die Anforderungen des Umweltzeichens können daher zunächst meist nur von wenigen Produkten eingehalten werden.

Mit wachsender Marktbedeutung des Umweltzeichens ziehen jedoch häufig andere Anbieter nach und gestalten ihre Produkte umweltfreundlich. Erst wenn die Mehrzahl der Produkte innerhalb einer Produktgruppe die Anforderungen des Umweltzeichens einhält, hat das Umweltzeichen sein Ziel zunächst erreicht. Dann wird geprüft, ob das Umweltzeichen entbehrlich geworden ist oder ob die Anforderungen verschärft werden können, wie z.B. bei der Vergabegrundlage RAL-ZU 1 2a "Schadstoffarme Lacke". Die Vergabegrundlagen werden in regelmäßigen Abständen (in der Regel vier Jahre) überprüft und gegebenenfalls aktualisiert.

Im Gegensatz zur bisherigen Vergabegrundlage, die einen maximalen Lösemittelgehalt von 10% bzw. 15% für High-Solid-Lacke vorsah, werden jetzt die maximalen Lösemittelgehalte nach den einzelnen Produktgruppen aufgegliedert und reichen von maximal 2% (z.B. Tiefgrund) bis max. 7 0% (wasserbasierende Lacke) bzw. 15% (lösemittelbasierende Lacke, sogenannte High-Solid-Lacke). Bisher waren 95% der Lacke mit Umweltzeichen der Kategorie maximal 10% Lösemittel zugeordnet. Die neue differenzierte Zuordnung und die strengeren Anforderungen führen zu einer weiteren Verringerung des Lösemittelgehaltes und der damit verbundenen Emissionen.

Die Gebrauchseigenschaften der lösemittelarmen Lacke sind, vor dem Hintergrund wiederholt geäußerter Bedenken gegenüber Qualität von Umweltzeichen-Lacken mehrfach vergleichend untersucht worden. Im Ergebnis der Prüfungen von Stiftung Warentest konnten wasserverdünnbare Dispersionslacke und auch Lasuren sowohl hinsichtlich ihrer chemisch-technischen als auch ihrer anwendungstechnischen Eigenschaften überwiegend mit "gut", zum Teil auch mit "sehr gut" bewertet werden.

Zu einer ähnlichen Einschätzung hinsichtlich der Qualität und Einsatzmöglichkeiten kommt die gemeinsame "Empfehlung zum Einsatz lösemittelreduzierter Bautenlacke", herausgegeben u.a. von der Arbeitsgemeinschaft der Bau-Berufsgenossenschaften, dem Maler- und Lackiererhandwerk, der Lackindustrie und dem Umweltbundesamt:

"Für die meisten Anwendungsgebiete sind Dispersionslacke in der Summe der jeweiligen Eigenschaften eine technisch gleichwertige Alternative zu den konventionellen Alkydharzlacken. Aufgrund ihres verminderten Lösemittelgehaltes sind Dispersionslacke Darüber hinaus im allgemeinen wesentlich gesundheits- und umweltverträglicher, so daß ihre Verwendung der von konventionellen Alkydharzlacken grundsätzlich vorzuziehen ist." In dieser Empfehlung werden als positive Eigenschaften von wasserverdünnbaren Dispersionslocken hervorgehoben:
  • hohe Nutzungsdauer auf nichtmaßhaltigen Ausbauteilen aus Holz und Zinkuntergründen
  • gute Wasserdampfdurchlässigkeit (bei Außenbeschichtungen)
  • sehr geringe Vergilbung
  • rasche Trocknung für Folgeanstriche (bei "Normalklima")
  • keine, bzw. kaum Versprödung bei Alterung
  • Geruchsarmut

4. Behauptung: Naturharzlacke bestehen zum Teil aus unbedenklichen Substanzen

Die beste Empfehlung für Naturharzlacke ist der Umstand, daß die in diesen Lacken enthaltenen Stoffe zum Teil auch im Bereich der Lebensmittel und Lebensmittelbedarfsgegenstände Verwendung finden. Diese zeichnen sich durch eine hohe ökologische Verträglichkeit aus.

Unsere Antwort:
Für die Verwendung von Stoffen im Lebensmittelbereich hat die gesundheitliche Unbedenklichkeit des Stoffes die absolute Priorität, da diese Stoffe im allgemeinen mit dem Lebensmittel verzehrt werden. Aus der Verwendung eines Stoffes im Lebensmittelbereich auf die ökologische Unbedenklichkeit zu schließen ist nicht zwingend richtig. Gesundheitsverträglichkeit sind nicht das gleiche, das haben uns die Fluorchlorkohlenwasserstoffe, kurz FCKW, eindrucksvoll gezeigt. Diese zeichnen sich durch eine hohe Gesundheitsverträglichkeit aus. Für die Umwelt dagegen sind die FCKW sehr schädlich, wie die Zerstörung der Ozonschicht zeigt.

Darüber hinaus sind viele Stoffe für Lebensmittel nur unter bestimmten Voraussetzungen unter bestimmten Verwendungsbeschränkungen erlaubt, ein Vergleich mit dem Einsatz in Lacken ohne Beschränkung ist somit nicht direkt möglich, zumal auch der Aufnahmepfad (Einatmen und über die Haut bei Lacken) sich anders darstellt als über den Mund wie bei Lebensmitteln. Kolophonium beispielsweise ist nur für Kaumassen zugelassen, Carnaubawachs nur als Überzugsmittel für Kaffeebohnen, Nüsse, Schokoladen, usw. Ätherische Öle wie Citrus- und Rosmarinöl hingegen werden als Aromen nur in kleinen Mengen verwendet.

5. Behauptung: Naturharzlacke bekommen das Umweltzeichen nicht, weil sie nicht schadstoffarm sondern schadstoffrei sind.


Unsere Antwort:
Der Blaue Engel steht allein Lackherstellern offen, wenn diese die Anforderungen der Vergabegrundlage erfüllen. Damit können auch Naturharzlacke das Umweltzeichen bekommen, wenn diese die (für alle Hersteller gleichen) Anforderungen einhalten. Vielfach wird danach gefragt, warum Naturharzlacke, die keine synthetischen Lösemittel enthalten, kein Umweltzeichen bekommen können. Die Antwort ist einfach:

Auch Naturharzlacke können das Umweltzeichen erhalten, wenn sie in wässrigen Systemen nicht mehr als 10% Lösemittel und in Iösemittelbasierenden Systemen (High-Solid-Lacke) nicht mehr als 15% Lösemittel enthalten. Naturharzlacke auf Lösemittelbasis haben aber aus technischen Gründen häufig einen höheren Lösemittelgehalt (bis zu 50%) und sind somit nicht als schadstoffarm oder gar schadstoffrei zu bezeichnen. Inzwischen werden Naturharzlacke auch auf wässriger Basis mit deutlich reduziertem Lösemittelgehalt angeboten. Ohne Lösemittel kommen allein Leinölfirnisse aus, die sehr langsam trocknen und keine mit Lacken vergleichbare Oberfläche bilden.

6. Behauptung: Naturharzlacke riechen gut und belasten die Innenraumluft nicht.


Naturharzlacke enthalten zum Teil erhebliche Mengen an Lösemitteln (Terpene, ätherische Öle, ...). Diese belasten aufgrund ihrer Flüchtigkeit genau wie synthetische Lösemittel auch die Innenraumluft. Hierzu wurden Untersuchungen zur Belastung der Innenraumluft nach Anwendung von Naturharzlacken durchgeführt. Diese zeigen, daß Monoterpene wie Pinen, delta-3-Caren und Limonen als wichtigste terpenoide Komponenten zum Teil auch noch nach einem Jahr in der Innenraumluft gefunden wurden. Bei einer dauerhaft erhöhten Konzentration ist die Gesundheitsverträglichkeit auch "gut" riechender Stoffe nicht garantiert.

Die Emissionen von Aldehyden bei Naturharzlacken sind auf ungesättigte Fettsäuren (Leinöl), die mit Sauerstoff reagieren, zurückzuführen, Diese Emissionen werden bei der Trocknung und chemischen Vernetzung der Lacke gebildet (Aldehyde sind in dem Lack selbst nicht nachweisbar) und können ein Jahr und länger andauern. In einem Kindergarten in Baden-Württemberg wurden Aldehyde über einen wesentlich längeren Zeitraum, als die Lösemittelemissionen aus einem lösemittelhaltigen Lack nachgewiesen. Zu den Aldehyden zahlt auch Formaldehyd, das ebenfalls nachweisbar ist.

Insbesondere bei einer großflächigen Verwendung von Naturharzlacken in Innenräumen ist demnach mit langanhaltenden Innenraumluftbelastungen durch Terpene und Aldehyde zu rechnen. Während dieser Zeit ist eine verstärkte Lüftung empfehlenswert.

Aus "Alles Öko oder was?" vom Umweltbundesamt.