Wie altersschwache Gebäude die Versicherung in die Höhe treiben

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Deutschland überaltert. Dieser Fakt trifft sowohl auf die demographische Entwicklung zu, als auch auf den Immobilienbestand. Als die alten Wohngebäude zur Gründerzeit oder in der Nachkriegszeit gebaut wurden, dachte niemand daran, dass die Häuser 100 Jahre oder länger an dieser Stelle stehen. Heute geben diese Fassaden den Wohnvierteln und Innenstädten ihr Gesicht. 65 Prozent der Wohnbebauung wurde vor 1979 errichtet. Doch hinter den alten Fassaden verbirgt sich häufig noch alte Technik. Stromleitungen wurden einmal nachgerüstet, soweit diese nicht von Anfang an eingebaut waren. Wahrscheinlich wurden auch die alten Bleirohre gegen Kupferohre ausgetauscht, aber wie lange diese Leitungen schon in den Wänden liegen, lässt sich in den seltensten Fällen noch genau bestimmen. Diese Leitungen werden mit der Zeit etwas altersschwach und das macht sich bei den Wohngebäudeversicherungen bemerkbar.

Die Schadensfälle häufen sich und treiben so die Kosten für die Versicherungen in die Höhe. In der Folge steigen die Prämien. Denn die alten Leitungen waren für die heutigen Belastungen nie ausgelegt. Als die Elektroleitungen verbaut wurden, gab es kaum Elektrogeräte für den Haushalt. In erster Linie dienten sie der Versorgung mit elektrischem Licht und der Kühlschrank war der erste konstant betriebene Stromabnehmer. Ab und zu wurde der Fernseher oder der Staubsauger dazu geschaltet. Heute laufen Computer im Dauerbetrieb, pro Haushalt gibt es häufig mehrere Radios und Fernseher. Parallel werden Smartphones, Notebooks oder Tablet-PCs aufgeladen. Zum Zeitpunkt der Verlegung der Kabel war Plastik zudem noch ein relativ junges Produkt. Chemisch waren die Weichmacher noch nicht weit entwickelt und so nur sehr begrenzt haltbar. Verflüchtigen sich die Weichmacher aus den Isolierungen der Kabel, werden diese porös. Die Gefahr von Kurzschlüssen und Kabelbränden steigt und damit auch die Gefahr von Hausbränden.

Die wasserführenden Leitungen unterliegen der Korrosion. Auch weiß man nicht, ob sich vorherige Besitzer und Bewohner des Hauses bei Bohrungen in der Wand an die Richtlinien zu Installationszonen gehalten haben, bzw. ob die überhaupt bekannt waren, oder ob die Leitungen überhaupt nach diesen Richtlinien verlegt wurden. Selbst wenn Kabel oder Wasserleitungen nicht direkt angebohrt wurden, kann es sein, dass der bohrer sie nur knapp verfehlte oder ankratzte, so dass Schwachstellen entstehen. All diese Faktoren erhöhen das Risiko von Kurzschlüssen und Wasserrohrbrüchen, weshalb viele Versicherer dazu übergehen, für alte Gebäude höhere Prämien zu verlangen.

Altverträgen droht die Kündigung

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Jahrelang war die Wohngebäudeversicherung für die Versicherer ein angenehmes Nebengeschäft. Das große Geld wurde hiermit allein aber nicht gemacht. Wer eine Wohngebäudeversicherung abschloss, schloss in der Regel noch weitere, einträglichere Versicherungen wie Renten- oder Lebensversicherungen bei dem Anbieter ab. Doch seit die Wohngebäudeversicherungen für die Versicherer defizitär sind, hat ein Umdenken eingesetzt. Die Höhe der Policen bei Neuversicherungen richtet sich zunehmend nach dem Alter des Gebäudes und dem Sanierungsstand. Bei Altverträgen steigen die Prämien und der Selbstbehalt. Zudem kommt es bei Altverträgen häufiger zu Kündigungen durch die Versicherung selber. Denn bei größeren Schäden haben Kunde und Versicherer in der Regel ein außerordentliches Kündigungsrecht. Die Versicherer bieten den Kunden dann meist eine neue Versicherung mit für sie günstigeren Konditionen an.

Um die Kosten für die Versicherer nicht weiter in die Höhe zu treiben, setzen sie zudem auf Kulanz. Das hört sich zunächst etwas widersprüchlich an, doch dahinter steckt ein knallhart kalkuliertes Geschäftsgebaren. Im Schadensfall schicken sie sehr schnell einen Mitarbeiter vorbei, der den Schaden in Augenschein nimmt. Dieser stellt eine Schadenssumme fest und lässt sich vom Kunden eine Abfindungserklärung unterschreiben. Das beauftragte Unternehmen, das den entstandenen Schaden beispielsweise nach einem Wasserrohrbruch beheben soll, betreibt dann häufig nur Kosmetik. In zahlreichen Fällen ist der tatsächliche Schaden viel höher. Gerade bei einem Wasserrohrbruch kann Feuchtigkeit tief ins Gemäuer eindringen oder die Dämmung durchfeuchten. Da ist es nicht mit etwas Putz abklopfen und einem neuen Anstrich getan. Die Gefahr von Schimmel und weiteren noch teureren Folgeschäden besteht. Auf den Kosten bleibt der Kunde dann sitzen. Dabei haben die Versicherungsnehmer das Recht, einen unabhängigen Sachverständigen mit der Schadensfeststellung zu beauftragen. Dessen Schadensbilanz fällt häufig wesentlich höher aus, als die des Mitarbeiters der Versicherung. Auch muss die Versicherung für die Kosten für Mietausfall oder die Wertminderung der Immobilie aufkommen. Diese Schäden regulieren aber die wenigsten Versicherungen von alleine. In einigen Fällen mussten die Immobilienbesitzer ihre Versicherung sogar verklagen.

Extremwetter treibt Schadensbilanz in die Höhe

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Ein weiterer Faktor, der die Gesamtschadensbilanz für die Versicherungen in die Höhe treibt, ist der Klimawandel. Auch von diesem sind Altbauten besonders stark betroffen. Harte Winter führen zu typischen Frostschäden wie Wasserrohrbrüchen. Alte Dachstühle können Extremwetterlagen wie Hagel und Sturm weniger entgegensetzen. Beim Sturm umstürzende Bäume und herunterfallende Äste hinterlassen hier größere Schäden, als es bei Neubauten der Fall ist.

Der Sanierungsstau bei Gebäuden in Deutschland bezieht sich also nicht allein auf energetische Maßnahmen. Zwar wird häufig das Dach gedämmt, aber nicht der Dachstuhl im Gesamten erneuert. Eine neue Heizung wird auch eingebaut, aber die alten Leitungen bleiben. Selbst bei einer Hausautomatisierung werden in der Regel zusätzliche Kabel verlegt, statt die alten bei dieser Gelegenheit zu ersetzen. Das ist nicht überraschend. Denn eine Erneuerung der alten Leitungen kommt vom Aufwand einer Entkernung des Hauses gleich. Die Kosten sind immens und an so etwas wie Wohnkomfort ist in dieser Zeit nicht zu denken. Ob selbst auf Dauer höhere Versicherungspolicen nicht günstiger sind, muss sich jeder selbst ausrechnen. Jedoch sollte man bei aufwändigen Renovierungsmaßnahmen auch eine Erneuerung der alten Leitungen in Betracht ziehen — nicht nur mit Blick auf die Versicherung, sondern vor allem auch aus Sicherheitsaspekten. Bei einem Hausbrand können Schäden entstehen, die keine Versicherung der Welt ersetzen kann.

Fotos: www.fotoatelier-schumacher.de