Von Kiesbeet bis Bruchstein: Die neue Steinzeit in Deutschlands Vorgärten

Auf Madeira, wo es das ganze Jahr über blüht, käme keiner auf den Gedanken, den Vorgarten statt mit Pflanzen mit Steinen auszustatten. Das gilt auch für die Länder am Mittelmeer, aber auch für England, wo der eigene Garten an Wichtigkeit gleich hinter dem Königshaus rangiert. In Deutschland hingegen ist in einem Großteil der Vorgärten eine neue Steinzeit angebrochen. Wo früher Portulak-Röschen und Petunien standen, eingerahmt von Jasmin- und Hibiskussträuchern, findet man zusehends nur noch immergrüne Einfallslosigkeit und eine Abdeckung des Erdreichs mit Kies und Steinen jeden Kalibers. Da braucht sich auch niemand Gedanken zu machen, wie man den Gartenboden verbessern könnte, damit es optimal im Vorgarten blüht.

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Stellen wir doch einfach einmal die Frage anhand der beiden Fotos oben, welchen Vorgarten Sie vor Ihrer Haustür haben wollten - den Vorgarten links oder den „Steingarten“ rechts? Falls Sie irgendeiner militanten Protestbewegung angehören und möglichst dicke Steinbrocken als Wurfmaterial benötigen, wird Ihnen der Garten aus der neuen Steinzeit sicherlich als Munitionslager gefallen. Da Sie aber als User von baumarkt.de ein friedliebender Mensch sind, werden Sie sicherlich (wie unsere Redaktion) an dem bepflanzen Vorgarten Ihre Freude haben. Ein Spezialthema ist sicherlich, ob der Mieter den Vorgarten pflegen muss.

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Variante 1 — der Friedhofs-Vorgarten

Der deutsche Vorgarten lässt sich in fünf verschiedene Gestaltungsarten unterteilen. Da ist zunächst einmal der „Friedhofsgarten“ (Foto 1). Er zeichnet sich vor allem durch Buchsbäumchen aus, die regelmäßig in Kugelform zurecht gestutzt werden. Zwischen diesen Gehölzen wird meistens Kies gestreut. Blühen tut nichts, aber wer Freude an kugeligen Bäumchen hat, wird diese Art der Vorgartengestaltung gegen jede andere Alternative verteidigen..

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Variante 2 — der Bodendecker-Vorgarten

Bodendecker, das sind robuste und anspruchslose Pflanzen, die eine geschlossene grüne Decke bilden und durch ihre dichten Wurzeln die Unkräuter ersticken. Efeu wächst auch als Bodendecker im Nu. Das ist bequem für den Hausbesitzer, ansonsten aber nichts als eine gepflegte Langeweile. Natürlich gibt es auch blühende Bodendecker. Da kann man sich im Sommer zwar an einem farbigen Blütenteppich erfreuen. Aber die Freude schwindet im Spätherbst dahin.

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Variante 3 — der Golfplatz-Vorgarten

Der Golfplatz-Vorgarten zeichnet sich aus durch einen Rasen, dessen Halme allenfalls die Höhe eines Golfplatzrasens erreichen. Wer einen solchen Vorgarten perfekt in Schuss hält, ist garantiert im Öffentlichen Dienst beschäftigt und Verfechter geordneter Verhältnisse. Höchstens zugelassen wird in einem Golfplatz-Vorgarten eine Randbepflanzung mit niedrigen Büschen. Eine hoch gewachsene Taxushecke würde ja sonst den beifälligen Blick auf den mustergültigen Rasen behindern.

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Variante 4 — der Steinzeit-Vorgarten

Mit dieser Variante haben wir uns schon am Anfang unseres Beitrags beschäftigt. Was Vorgarten-Be­si­tzer alles auf den Erdboden schütten, reicht von farbigen Flusskieseln über graue Gle­tscher­kiesel bis hin zu bruchrauen Restplatten aus Naturstein- und Marmorwerken. Zierkies ist weniger angesagt, weil es doch zu sehr an einen Grabgestaltung erinnert. Bunter Glassplitt findet ebenso wie polierte Kiesel unerwünschte „Abnehmer“ und wird selten aus­ge­bracht. Stattdessen aber wird mancher Steinzeit-Vorgarten durch gewichtige Findlinge gekrönt.

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Variante 5 — der vermulchte Vorgarten

Rindenmulch galt ab etwa 2000 als die All­zweck­waffe für Gärten und nicht zuletzt für Vorgärten. Soviel Rinden gibt es aber gar nicht, wie Rindenmulch verkauft wird. So findet man in den Säcken kleingehakte Holzreste aller Art — auch Abfall aus Tischlereien. Rindenmulch ist trotz seiner Fähigkeit, den Boden vor dem Austrocknen zu bewahren und Unkräuter klein zu halten, auf dem Rückzug aus deutschen Vorgärten und Gärten. Das liegt wahrscheinlich an dem tristen Erschein­ungs­bild der braunen Holzstückchen.

 

Was ist der Grund, dass Deutschlands Vorgärten veröden?

Dass Deutschlands Vorgärten veröden oder „versteinern“, hat natürlich seinen Grund. Wer als 35-jähriger 1970 ein Haus gebaut hat, ist anno 2013 (als dieser Beitrag verfasst wurde), 78 Jahre alt. Da hat man es halt etwas bequemer, denn die Knie oder der Rücken zwacken. Die jüngere Generation, die das Haus erbt oder kauft, ist mehr an Twitter und Facebook interessiert, als an der zeitraubenden Gartenarbeit. Und der Spaten mit eingebautem Smart-Phone ist auch noch nicht erfunden — dann könnte sich die Einstellung zum kleinen Stückchen Natur vor unseren Häusern ändern. Die Redaktion von „baumarkt.de“ geht davon aus, dass sich die Steinzeit in Deutschlands Gärten beschleunigen wird.

Hätten Sie übrigens gedacht, sehr geehrte User, dass steinerne Vorgärten eine Gefahr für den Straßenverkehr werden können? Hatten Sie schon einmal ein Loch in der Windschutzscheibe, weil aus dem Reifenprofil eines vor Ihnen fahrenden LKWs kleine Steine heraus geschossen sind? Zierkies, der von Kindern auf die Fahrbahn „geschubst“ worden ist, kann sich im Profil eines jeden PKW-Reifens festklemmen, um dann irgendwann bei Tempo 120 heraus geschleudert zu werden.

Fotos: www.fotoatelier-schumacher.de