Smart Home: Haustechnik mit „Kinderkrankheiten“

winflip.jpg Kennen Sie die Tage, an denen einfach nichts gelingen will? Wenn es an einem warmen Sommermorgen bereits stickig im Schlafzimmer ist, weil sich aus irgendeinem Grund die Fenster in der Nacht nicht geöffnet haben. Vielleicht hat es kurz geregnet. Schrecklich sowas. Bleibt ein Sensor nass, bleiben die Fenster geschlossen. Da muss sich der Haustechniker dringend drum kümmern.

Aus der Luft gegriffen, ist das nicht. Wer im Smart Home zuhause ist, genießt höchsten Wohnkomfort, hat aber auch jede Menge neue Probleme am Hals, wenn die Technik nicht so wie erhofft funktioniert.

Wie im letzten Winter, als die Tochter ihren 18. Geburtstag feierte. Da ging es etwas lauter zu. Sei ihr ja gegönnt. Die Fenster sind mehrfach schallisoliert, damit man selber nicht vom Straßenlärm belästigt wird. Ebenso wenig kriegen die Nachbarn mit, ob und erst recht nicht welche Musik läuft. Dass das Haus voll war und eine Party gefeiert wurde, wussten aber die Raumluftsensoren nicht. Sie stellten nur eine erhöhte Kohlendioxidkonzentration in der Luft fest und öffneten ungewollt und zunächst unbemerkt die Fenster. Erst als die Polizei wegen der Ruhestörung klingelte, fielen die geöffneten Fenster auf. Danach wurde im Belüftungsmanagement ein Party-Programm installiert. Gebraucht wurde es seitdem nicht.

dach_solarenergie.jpg War ja auch rückblickend nicht dramatisch. Etwas ärgerlich wurde es, als das Elektrofahrzeug nach dem Wochenende wider alle Erwartungen mit leerer Batterie in der Garage stand. Die Hausautomatik hatte entschieden, dass es günstiger sei, den vom Dach erzeugten Solarstrom mit Gewinn an der Strombörse zu verkaufen, statt ihn in den separaten Stromkreis für das Elektroauto einzuspeisen. „Kinderkrankheiten“, teilte der Hersteller beschwichtigend mit. An diese gewöhnt man sich. Dass ein System in den seltensten Fällen zu einhundert Prozent ausgereift auf den Markt kommt, kennt man ja von Betriebssystemen für PC oder Smartphone. Manche Updates bringen Fortschritte, bei anderen hat man den Eindruck, dass das System vorher flüssiger lief; auch wenn eine weitere Sicherheitslücke geschlossen wurde. Damit arrangiert man sich.

Ein kurzer Anflug von Panik kam auf, als das elektrische Türschloss sich einfach nicht öffnen lassen wollte. Ein Schlüsselloch mit Schlüssel gibt es an der Haustür nicht mehr. Das ist viel zu gefährlich. So ein klassisches Schloss haben Einbrecher in Sekunden geknackt. Geholfen hätte es aber auch nicht. Wer packt schon einen Schlüssel ein, wenn man mit einem Iris- oder Fingerabdruck-Scan ins Haus kommt? Ein elektronisches Türschloss ist nicht nur sicherer, sondern — das muss man so sagen — auch cooler. Das half in diesem Moment aber nicht. Zum Glück funktionierte die Klingel noch und jemand war zuhause. Laut Hersteller sollte das Problem eigentlich nicht auftauchen. Wie sich später herausstellte, war aber auch nicht der Hersteller schuld, sondern der zentrale Computer, auf dem die Nutzerprofile gespeichert sind. Er führte ein aufwändiges Update für das Heizungsmanagement aus. Es war aber beruhigend zu wissen, dass niemand ins Haus kommt, wenn der Computer einmal ausfallen sollte. Der Hersteller des Schlosses hat diese Lücke dennoch mittlerweile unkompliziert geschlossen. Manche Probleme tauchen eben erst auf, wenn ein System wirklich benutzt wird, schließlich lässt es sich nicht mit allen möglichen Geräten testen. Das wäre einfach zu teuer. Woher soll der Schlosshersteller auch wissen, welche Heizung oder welchen Geschirrspüler man benutzt?

Apropos Geschirrspüler. Ebenso wie die Waschmaschine lässt er sich bequem vom Handy aus starten. Ein- und ausräumen muss man diese Haushaltshelfer aber noch selber. Auch das Kochen nimmt einem niemand ab. Der Herd zeigt zwar an, wenn die Waschmaschine im Keller fertig ist, aber wer hat schon Zeit, sich um die Wäsche zu kümmern, wenn in der Pfanne etwas angebraten wird? Generell irre, was heute alles möglich ist! Es hat eine ganze Zeit gedauert, das WLAN-Signal im Keller so zu verstärken und Waschmaschine und Trockner so zu verrücken, dass beide einwandfreien Empfang haben.

modernes_haus_silo.jpg Um aber noch einmal auf das Heizungsmanagement zurück zu kommen: Dieses mit dem Belüftungsmanagement in Einklang zu bringen, war eine großes Stück Arbeit. Beide mussten sich nicht nur miteinander abstimmen, dass nicht nur nicht „aus dem Fenster“ geheizt wird, sondern dass auch aktuelle Wetterdaten mit einbezogen werden. Die kommen von einem Wetterdienst aus dem Internet. Auch die Abstimmung der Temperatur in den Räumen funktioniert mittlerweile großartig. Die vernetzten Thermostate der Marke Nest, die Google 2014 für knapp 2,5 Milliarden Dollar gekauft hat, liefern in den einzelnen Räumen die ideale Wohlfühltemperatur und passen die Beheizung an, wenn mehrere Menschen im Raum sind, so dass man nie in einem stickigen, überheizten Raum sitzt. Und wenn man auf dem Sofa zum Zeitvertreib mit Smartphone im Internet surft, kriegt man Werbung für Technik-Geräte aufs Handy geschickt, während einem in der Küche Küchengeräte und Rezeptdatenbanken empfohlen werden.

kaffee_und_crossaint.jpg Gerade in der Küche funktionierte die Vernetzung optimal. Der Kaffeevollautomat brüht frisch gemahlenen Kaffee auf, sobald man nach 5 Uhr morgens das Bett verlässt. Die Sensoren im Boden leisten wirklich tolle Arbeit. Man musste sich aber dran gewöhnen, dass die Kaffeemaschine zu Beginn nicht unterscheiden konnte, ob nun leere oder eine bereits gefüllte Tasse unter dem Auslauf stand. Man durfte also nicht aufstehen, kurz ins Bad gehen und sich dann wieder hinlegen. Nach einem Morgen mit Magen-Darm-Beschwerden war in der Küche die Sauerei größer als in der Toilette. Doch auch um dieses Problem hatte sich der Haustechniker gekümmert, wirklich praktisch, dass er ein abgeschlossenes Informatik-Studium hat.

Aber ansonsten ist ein vernetzter Kaffeeautomat ein tolles Gerät. Ist der Wassertank leer, bekommt man eine Benachrichtigung auf sein Handy. Auch wenn der Bohnenvorrat sich dem Ende neigt, kann man per Fingertipp auf dem Smartphone direkt neuen Kaffee beim Hersteller bestellen. So funktioniert das auch, wenn der Staubsaugerbeutel voll ist oder sich der Waschmittelvorrat dem Ende neigt.

Etwas seltsam wurde es nur, als der Fernseher plötzlich die Rollen vertauschte und mit tiefer Stimme sprach „ich sehe Dich“. Aber da hatte sich wohl jemand einen Scherz erlaubt und sich in das System des Smart-TV gehackt. Das kommt vor und ist kein Grund, sich Sorgen zu machen. Der Rest ist ja sicher. Jedenfalls hat die Beleuchtung im Badezimmer noch nie gesprochen. Die ist morgens nach dem Aufstehen nur angenehm matt gedimmt und wird erst allmählich heller. Da ist etwas stickige Luft am Morgen zu ertragen. Vielleicht ist auch nur ein Motor am Fenster verschlissen. Der Haustechniker wird’s schon herausfinden. Insgesamt lässt sich schon sagen, dass das Leben im Smart Home ist viel leichter und komfortabler geworden ist, sofern der Hausbesitzer ein Datentechniker ist.

Fotos: epr/Winflip,
epr/Viessmann,
www.fotoatelier-schumacher.de