Reetdächer sind romantisch, aber problematisch

Früher bauten die Menschen ihr Haus mit dem, was die Natur in der jeweiligen Gegend in ausreichendem Maße zu bieten hatte. Für das Dach war und ist dies Holz in Form von Holzschindeln, Schiefer in Form von Schieferschindeln, Dachziegel aus gebranntem Ton und in sumpfigen Landschaften Schilf. Sumpflandschaften in Deutschland gibt es vor allem im norddeutschen Küstengebiet. Dort heißt das verwendete Schilfrohrgewächs Reet. In anderen Gegenden findet man aber auch die Bezeichnungen Reit, Ried oder Rieth. Besonders bei Fachwerkhäusern entfalten Reetdächer eine romantische Wirkung, wie auf dem nebenstehenden Foto zu sehen ist. Aber Romantik hin oder her - das Reetdach ist in den letzten Jahren zu einem Problemfall geworden. Von einem Schieferdach (also ebenfalls einer "natürlichen" Dachdeckung) ist bisher nicht bekannt geworden, dass es vermodert und verrottet, von einem mit Tonziegeln gedeckten Dach sowieso nicht. Anders leider aber beim Reetdach, das nach Aussage der Reetdachdecker und Reetgroßhändler "bis 50 Jahre" halten soll - vorausgesetzt, es wird "gepflegt", was immer man darunter zu verstehen hat.

Das Reetdach als Markenzeichen einer Urlaubsregion

reetdach01.jpgWenn wir uns hier mit dem Für und Wider um das Reetdach beschäftigen, darf nicht übersehen werden, dass diese Dachdeckung quasi ein Markenzeichen für die Urlaubsregionen an der Ostsee ist — genauso, wie etwa die blumengeschmückten Holzbalkone in Bayern. Ein Bauernhof, aber auch ein Ferienhaus mit Reetdach strahlt Behaglichkeit aus und zeugt vom Stolz auf eine Jahrhunderte alte Bautradition. Die Gemeinden und Städte an der Ostsee tun viel dafür, dass die Reetdächer nicht verschwinden. Viele alte Höfe mit Reetdächern stehen unter Denkmalschutz und sind für die Touristen attraktive Fotomotive.

Das ökologische Reetdach und die Wasservögel

Reet ist ein Schilfrohrgewächs, das an den Uferzonen von Seen und Feuchtgebieten wächst. Reet ist in der Tat ein nachwachsender Rohstoff, der im einjährigen Zyklus geerntet wird. Man könnte also von einem ökologischen Baustoff sprechen. Reet soll "an sich" nur im Winter geerntet werden, wenn der See vereist ist und spezielle Erntemaschinen zum Einsatz kommen. Aber wann vereisen bei uns die Binnenseen noch? Schon seit langem holt der Reetgroßhandel seine Ware aus dem Ausland, aus Rumänien, Polen, Österreich und Ungarn. Aber auch dort werden die Seen wärmer. Nicht alle Wasservögel sind Zugvögel.

Die Rohrdommel, bei uns fast ausgestorben, steht auf der "Roten Liste" der bedrohten Arten und überwintert teilweise - wie viele Enten und Rallen - an den Binnenseen. Das ökologische Reetdach schadet also indirekt den europäischen Wasservögeln. In Deutschland ist die Lage entspannter, denn das hiesige Reet ist durch Gewässerverunreinigungen degeneriert oder - falls nicht - darf es nicht geerntet werden, weil viele Binnenseegebiete unter Naturschutz stehen. Wie man es im Ausland mit dem Naturschutz hält, ist aber sehr die Frage.

reetdach04.jpgReet kann über über drei Meter hoch werden. Nach dem Mähen werden die Reetbündel von Unkrautstengeln und Verunreinigungen befreit. Dafür gibt es eine Maschine, die die Reet-Bündel auskämmt. Anschließend wird das Reet zum Trocknen in Kegeln stehend gelagert. Nach einer Trockenzeit von bis zu einem halben Jahr wird das Reet je nach Verwendung auf das richtige Maß zugeschnitten. Qualitativ hochwertiges Reet erkennt man an harten Halmen und der gelblichen bis braunen Farbe. Zudem muss es frei von Gras und anderen Pflanzenresten sein. Schließlich müssen sich die Reethalme biegen lassen, dürfen dabei aber nicht brechen.

Pilzbefall beim Reetdach, das große Streitthema

Reetdächer gibt es im gesamten nord- und mitteleuropäischen Raum, aber auch in der Südsee und in Fernost. In Deutschland findet man Reetdächer vor allem in nördlichen Regionen. Da viele Städter von einer Bauernkate an der Nord- oder Ostsee träumen und das Reetdach für sie als Sinnbild landschaftlicher Harmonie gilt, haben die Reetdachdecker gut zu tun - jedenfalls noch. Die Reetdächer sind nämlich in Verruf geraten, weil sie vorzeitig von innen aus vermodern und verrotten können. Einem Multimillionär, der ausreichend Geld hat, um sein Landhaus auf Sylt nach zehn Jahren für 40.000 oder 60.000 € neu mit Reet decken zu lassen, wird die Reetdach-Problematik "wurscht" sein. Alle anderen werden abwägen müssen, ob eine Dachdeckung mit Tondachziegeln nicht die bessere Alternative ist. Einer Verrottung vorbeugen kann man, wenn man das Reet mit chemischen Produkten tränkt. Das aber wäre der Widersinn an sich - ein "Ökodach" mit chemischem Schutzmantel.

Meinungsstreit um die Verrottungsgefahr bei Reetdächern

reetdach05.jpgUm die Frage, ob das Verrotten von Reetdächern auf einen Pilz zurückzuführen ist oder nicht, tobte jahrelang ein Meinungskampf unter Experten. Inzwischen ist der Übeltäter identifiziert: Es handelt sich um einen Weißfäulepilz, der unter Laborbedingungen in etwas mehr als einem Monat über 23 % der Trockenmasse von intaktem, neuem Reet zerfraß. Da der Pilz aber auch in völlig intakten Reetdächern vorkommt und sich dort jahrelang eingenistet hat, ohne Schaden anzurichten, liegt die Lösung des rätselhaften Verhaltens (mal wieder) im Klimawandel. Vereinfacht gesagt, nimmt das Reetdach keinen Schaden, wenn es in der Sonne und nicht im Schatten liegt und wenn intakte Dampfsperren tatsächlich verhindern, dass feuchte Raumluft in das Reet eindringen und sich hier mit der „dank“ Klimawandel zunehmenden Luftfeuchtigkeit „verkuppeln“ kann. Andere Faktoren kommen hin: Zu geringes Dachgefälle, zu dünne oder zu dicke Halme (die Regel verlangt Dicken von 3 bis 9 mm) oder eine generell schlechte Qualität des Reets, das möglicherweise aus China stammt und schon geerntet wurde, als die Pflanzen noch nicht abgestorben waren. Algen können Dachziegel aus Beton befallen, ein oft gesehenes Schadenbild, aber auch - wie man auf dem Foto sieht - Reetdächer. Algenbefall und Vermoosung stehen in direktem Zusammenhang mit der Luftverschmutzung, die Tondachziegeln und Schieferschindeln jedoch nichts anhaben kann. Wer sich also für ein Reetdach entscheidet, sollte von seinem Reetdachdecker schriftlich eine Gewährleistung von mindestens 15 Jahren verlangen.

Reetdachdecker als eigener Ausbildungsberuf

Ein Dach mit Reet eindecken, kann nicht jeder Dachdecker, das muss extra gelernt werden. Nach der Lehre dürfen sie sich dann Reet- oder Rohrdachdecker nennen. Das Reet wird bündelweise auf das Dach gebracht und befestigt. Dies geschieht mit gebundener, genähter oder geschraubter Deckung. Beim gebundenen Dach beginnt der Reetdachdecker von der Traufe aus Lage für Lage der Reetbündel an der Lattung zu befestigen. Die Bunde werden auf die Lattung gelegt, darauf kommt ein 5 mm dicker Rundstahl parallel zur Lattung. Mit Bindedraht wird der Rundstahl alle 20 bis 25 cm locker an der Lattung gebunden. Nun werden die Bunde aufgeschnitten und mit dem geriffelten Klopfbrett in Form gebracht. Erst dann wird der Bindedraht fest angezogen. An Stelle des Bindedrahtes kann der Dachdecker auch eine Schraube verwenden, um die mittig ein Draht gewickelt ist. Man spricht dann von geschraubter Deckung. Bei der genähten Deckung benötigt man eine gebogene und eine gerade Nadel. Mit der gebogenen Nadel wird der Draht durch die Reetschicht durchgesteckt und mit der geraden Nadel wird der Draht auf der Innenseite des Daches "gefangen".

Wie ein Reetdach aufgebaut ist

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Auf der obenstehenden Zeichnung sieht man den möglichen Aufbau eines Reetdachs. Die wichtigsten Merkmale sind die mindestens 30 cm dicke Reetschicht, die Dachneigung von mindestens 45° und eine ausreichende Hinterlüftung. Mit der Zeit nimmt die Dicke der Reetschicht ab. Durch die Einwirkungen von Sonne und Wind verrotten die Stoppelspitzen. Wenn die Dachhaut nur noch eine Dicke von 15 bis 20 cm besitzt, muss sie gewartet werden. Wie schnell - abgesehen von der schon geschilderten vorzeitigen Verrottung - der normale Alterungsprozess voranschreitet, ist von mehreren Faktoren abhängig.

Je steiler das Dach, desto haltbarer ist es, da es schneller abtrocknen kann. Vermindert wird das Abtrocknen, wenn das Dach im Schatten liegt oder mit Laub bedeckt ist. Laub sollte daher unbedingt entfernt werden. Ein hinterlüftetes Dach hat den Vorteil, dass von außen eindringendes Wasser auch auf der Innenseite abtrocknen kann. Eine Dämmwirkung übernimmt das Reet bei einem hinterlüfteten Dach aber nicht, die Wärmedämmung muss auf andere Weise sichergestellt werden. Grundsätzlich besitzt Reet zwar gute Dämmeigenschaften, weshalb manche Experten die Ausführung des Reetdachs als Warmdach propagieren. Wie schon erklärt, ist jedoch der Verzicht auf eine Hinterlüftung auch eine Ursache für frühzeitige Verrottung.

Erhöhte Brandgefahr und teure Versicherung beim Reetdach

Reetdächer sind buchstäblich brandgefährlich. Daran kann nun nicht gezweifelt werden. Die Sturm- und Feuerversicherung, die jeder Hausbesitzer haben muss, ist bei einem Haus mit Reetdach grundsätzlich spürbar teurer, als bei einem Haus mir Schieferdeckung oder Dachziegeldeckung. Je nach Bundesland werden aus diesem Grund Grenzabstände zwischen 6 und 12 m vorgeschrieben, auf den ostfriesischen Inseln ist das Abbrennen von Sylvesterfeuerwerk aus eben diesem Grund verboten.

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Wer dennoch sein Haus mit Reet decken lässt, weil im Zweifelsfall die Feuerversicherung ja doch alles zahlt, sollte den Fall eines weltbekannten Künstlers bedenken, dessen reetgedecktes Wohnhaus am Niederrhein samt Bildhaueratelier in den Flammen aufging und damit nicht wieder herzustellende Kunstwerke verloren waren. Das Gebäudeensemble (Fotos oben) wurde nach dem Brand restauriert und nur optisch mit Reet gedeckt. Unter einer dünnen Lage Reet schimmert nun eine Dachhaut aus (wahrscheinlich) Bitumen durch. Da wäre es auch aus Sicht des Denkmalschutzes besser gewesen, man hätte Tondachziegel verwendet.

Ist Kunstreet als "Hartbedachung" die Rettung?

Die Dachdeckung aus Reet wird sicherlich nicht ganz aussterben, zumindest nicht für Heimatmuseen und ähnliche Gebäude. Für die Reetdachdecker werden die Zeiten aber härter, wie viele alte Handwerksberufe werden sie es schwer haben, sich zu behaupten. Möglicherweise werden sie auf Kunstreet als Hartbedachung zurück greifen, dessen Verlegetechnik natürlich eine ganz andere ist.

Die Fotos zu diesem Beitrag stammen von www.fotolia.de und www.fotoatelier-schumacher.de