Nachhaltiges Bauen, was ist das eigentlich?

Auf einmal war der Begriff da: Nachhaltiges Bauen — und dem Begriff folgte auf dem Fuß die Forderung: Es soll(te) nur nachhaltig gebaut werden. Doch was ist das eigentlich, das nachhaltige Bauen? Eine exakte Definition nach einer Liste, die man abhaken kann, gibt es nicht. So viel ist jedoch sicher: das nachhaltige Bauen kann, muss aber nichts mit Bau-Ökologie zu tun haben. Wobei sowieso nicht alles, „was aus der Natur kommt“, ökologisch wertvoll und gesund ist. Man denke nur an das in der Natur vorkommende, inzwischen als Baumaterial verbotene Asbest, dessen Fasern Krebs verursachen können. Auf den Punkt gebracht, müssen beim nachhaltigen Bauen ökologische, ökonomische und soziokulturelle Kriterien berücksichtigt werden.

Am besten nähern wird uns einer Begriffsdefinition, wenn wir uns dieses Foto eines Fachwerk-Wandaufbaus ansehen. Die Eichenbalken sind etwa 300 Jahre alt, sie gelangten beim Abriss eines Fachwerkhofes an einen Händler für historische Baumaterialien. Das Fachwerk ist aus Holz und Holz stammt aus dem Wald. Der Wald ist sozusagen seit Jahrhunderten das Musterbeispiel für Nachhaltigkeit. Denn in der Forstwirtschaft werden in einem Jahr nur so viel Bäume gefällt, wie im selben Zeitraum nachwachsen, damit nachfolgende Generationen nicht statt eines Waldes eine öde Fläche vorfinden. Das vor langer Zeit gebaute Bauern-
haus, dessen Balken-Gerippe nun eine Wiederverwendung findet, ist also ein Musterbeispiel für eine nachhaltige Bau-
weise. zumal auch die beim Abriss (Rückbau) anfallenden sonstigen Baumaterialien wieder verwendet werden können. Die Dachziegel und die Ziegelsteine aus den Fachwerk-Gefachen werden zu Granulat für den Straßenbau geshreddert, das Restholz wird für Holzfaserplatten, Laminatpaneele und dergleichen weiter verwendet. Die Spanplatte, die heute an die Wand genagelt wird, war möglicherweise früher einmal das Holzfenster aus einem alten Fachwerkhof.

Dieser Verwertungskreislauf (Recycling) alleine ist allerdings noch kein Indiz für nachhaltiges Bauen. Jetzt kommt nämlich der ökonomische Aspekt hinzu, wonach zu berücksichtigen ist, welcher Energieaufwand erstens nötig ist, um ein Baumaterial herzustellen und zweitens, um das Baumaterial (in welcher Form auch immer) nach einem Rückbau wieder zu verwerten. Jeder wird nachvollziehen, dass das Sägen eines Balkens oder eines Brettes aus einem Holzstamm wesentlich weniger Energie erfordert, als das Brennen von Ziegelsteinen. Denn beim nachhaltigen Bauen geht es auch darum, den Energieverbrauch schon bei der Herstellung der Baumaterialien so gering wie möglich zu halten.

Die Energieeinsparung im Bauwerk selbst gehört natürlich auch zu den Maßnahmen der nachhaltigen Bauweise. Hier vermischt sich die Bau-Ökologie mit der Bau-Ökonomie. Schafwolle als Dämmung ist einwandfrei ökologisch und nachhaltig, denn Schafe werden bekanntlich jedes Jahr geschoren. Aber wenn die Dämmung mit Nässe in Berührung kommt, schimmelt sie vor sich hin. Polystyrol, bei uns mehr als Styropor bekannt, ist wasserfest und kann auch bis zu 60-mal recycelt werden. Vergleicht man den Energieverbrauch bei der Schafschur mit der bei der Herstellung von Polystyrol, ist das Schaf unschlagbar. Aber ob seine Wolle auch bis 60-mal recycelt werden kann, ist doch sehr die Frage. Und es muss bezweifelt werden, dass sich bei dem Abriss eines Hauses in 80 Jahren aus der Dämmwolle noch ein brauchbarer Pullover stricken lässt. Doch Spaß beiseite:

Dreifach verglaste Fenster sind Standard bei einem Passivhaus — aber was ist mit den Fensterrahmen? Tropenhölzer sind ideal, aber angesichts des Raubbaus in den Regenwäldern sehr kritisch zu sehen. Aluminiumfenster sind wartungsarm, Aluminium lässt sich auch gut wieder verwerten — aber die Herstellung wie auch die Wiederverwertung erzeugen große Umweltbelastungen und Energieverbrauch. Auch bei Kunststofffenstern ist abzuwägen, wie hoch der Energieverbrauch ist, wenn das Rohmaterial hergestellt wird und wenn die Kunststoffrahmen eines Tages recycelt werden müssen.

Es müsse also Systeme und Verfahren miteinander verglichen werden und ehe man hier zu einer Generallinie kommt, fallen dutzenden von Dozenten und Professoren aus dem Baubereich altersbedingt die Haare aus, mit denen man auch — kleiner Scherz — auch den Dachboden dämmen könnte statt mit der aus Papierabfällen gewonnen Zellulose, die ja übrigens auch aus Holz gewonnen wird.

Zum nachhaltigen Bauen — und jetzt nähern wir uns dem soziokulturellen Aspekt — gehört natürlich auch der Umgang mit dem Bauboden als solchem, der nun einmal nicht vermehrt werden kann. Es ist also die Frage, die eines Tages politisch entschieden werden wird, ob sich jeder, der das Geld dazu hat, auf ein Grundstück von 3.000 qm eine Villa mit 360 qm Wohnfläche setzen darf oder ob es nicht doch etwas kleiner geht — beispielsweise durch Aufstockung (siehe Foto) eines Grundrisses von 180 qm auf 360 qm.

Dabei ist natürlich auch die Frage, ob sich jeder einen Pool in seinen Garten einbauen lassen darf oder sogar eine überdachte Schwimmhalle mit ganzjährig erwärmtem Wasser. Auch ein Pool braucht nicht nur Wasser, sondern versiegelt genauso wie eine plattierte Terrasse den Boden, behindert also den Wasserkreislauf. Wenn hingegen das Regenwasser aufgefangen und gespeichert wird, um damit den Pool zu befüllen und die Toilette zu spülen, sieht die Sache günstiger aus.

Bei alldem ist natürlich auch zu berücksichtigen, dass ein nachhaltiges erbautes Haus sich erstens in die umgebende Baustruktur einfügen und dass zweitens der Familie gefallen muss. Sie muss sich darin wohlfühlen und darf auch nicht das Gefühl bekommen, in einem Kasten zu sitzen, in dem Bauingenieure, Umwelttechniker und Recycling-Spezialisten herum experimentiert haben.

Fotos: www.fotoatelier-schumacher.de