Licht und Schatten des Smarten Zuhauses

„Hausmeister/in gesucht! — Berufsqualifikation: mindesten einen Bachelor-Abschluss in Informatik; handwerkliche Ausbildung von Vorteil.“ So könnte in Zukunft eine Stellenanzeige für „Facilitymanagement“, wie es auf Neu-Deutsch heißt, aussehen. Denn das „Internet der Dinge“ ist auf dem Vormarsch. Aktuell steckt es noch in den Kinderschuhen, hat noch mit manchen Kinderkrankheiten zu kämpfen und schaut sich seine Umwelt neugierig an. Das hört sich harmlos an, heißt aber, dass es zurzeit, da wo es im Einsatz ist, massig Daten sammelt. Man könnte auch sagen, dass es die Anwender ausspioniert. Eine wirkliche Abschirmtechnik wie die Firewall am Computer wird in den seltensten Fällen eingesetzt. Zwar betonen die Hersteller, dass es sicher sei und die Daten außenstehenden nichts sagen würden, doch bis zum Jahr 2014 galt auch der Online-Speicherdienst „iCloud“ als sicher. Bis plötzlich hunderte selbstgeschossene Nacktbilder zahlreicher Hollywood-Promis im Netz auftauchten. Auch die Titanic galt schließlich bis um 22 Uhr am 14. April 1912 als unsinkbar.

Die Aufgabe des modernen Facilitymanagements wäre es, ungewollten Zugriff von außen auf die Hauselektronik zu verhindern und für das perfekte Zusammenspiel der Geräte im und am Haushalt zu sorgen. Denn mit jedem neuem Gerät im Haushalt, das Zugriff zum Internet hat, erhöht sich das Risiko, ein neues Einfallstor zu schaffen. Gleichzeitig braucht ein echtes Smart Home jede Menge Daten, um wirklich ein „intelligentes“ Zuhause zu sein.

Ein Haus, in dem sich alles elektrisch bedienen lässt, mag zwar komfortabel sein, aber „intelligent“ ist es nicht. Ein intelligentes Haus muss selbstständig so arbeiten, dass man es als Bewohner kaum merkt. So sollte Licht in Räumen selbstständig angehen, bevor man sie betritt und auch von alleine wieder erlöschen. Es sollte seine Helligkeit anpassen. Jeder kennt das Gefühl, wenn man verschlafen ins Badezimmer tritt und plötzlich in einem unangenehm hell beleuchten Raum steht. Es könnte die Helligkeit morgens sanft erhöhen. Derselbe Prozess müsste dann ablaufen, wenn eine zweite Person das Badezimmer nach der anderen benutzt. Ebenso müsste das Haus selbstständig unterscheiden, ob eine Person wirklich aufstehen oder nur nachts der Toilette einen Besuch abstatten will. Ebenso muss es erkennen, ob eine Person gerade aufgestanden oder vielleicht gerade erst nach Hause gekommen ist, um nach einer durchfeierten Nacht ins Bett zu fallen. Sensoren im Fußboden können da wichtige Anhaltspunkte liefern.

Gleichzeitig muss es Ausnahmen geben, wenn man beispielsweise für den Antritt einer Geschäftsreise extra früh aufstehen muss. Eine Option ist, dass die Lichtsteuerung Daten vom Wecker geliefert bekommt. Dieses kleine Beispiel zeigt anschaulich, obwohl es nur an der Oberfläche kratzt, wie viele Daten erhoben werden müssen, um eine eigentlich einfache und zuverlässige Funktion wie einen Lichtschalter mit Dimmer zu ersetzen. Das ist zudem eine Funktion, die allein dem Wohnkomfort dient.

Komplexes Zusammenspiel von Belüftung, Beleuchtung und Heizung

intelligente_daemmung.jpg Eine komplexes Belüftungs-, Belichtungs-, Heiz-, und Beschattungskonzept hingegen ist kein Luxus, sondern der Kern eines Smart Home. Diese Art der Hausautomation soll für das optimale Klima im Haus sorgen. Das ist gerade bei hochgedämmten Neubauten notwendig. Von Gesetz wegen muss im Haus innerhalb von sechs Stunden eine vollständiger Luftaustausch ohne menschliches Zutun erfolgen. Das soll der Schimmelbildung vorbeugen. Auch modernisierte Altbauten, bei denen mindestens ein Drittel der Dachfläche saniert oder ein Drittel der Fenster ausgetauscht wurde, müssen diesen Ansprüchen genügen. Das ist ohne Hausautomation kaum zu bewerkstelligen. Obwohl die Luft ausgetauscht werden muss, soll möglichst wenige Wärme nach außen gelangen und im Hochsommer soll es im Haus angenehm kühl bleiben. Das geht nur, wenn die Technik optimal mitspielt und aus allem möglichen Quellen Daten auswertet. Eine rein zeitliche Steuerung, wie man sie heute häufig bei der Außenbeleuchtung oder Rollläden findet, reicht nicht einmal annähernd aus. Für ein stimmiges Hausklima-Management müssen aktuelle Wetterdaten vor Ort erhoben und die Temperatur im Inneren berücksichtigt werden. Zudem muss eingerechnet werden, wie viele Menschen im Haus sind und wie sie sich verteilen. Eine aktuelle Wetterprognose aus dem Internet wird mit einbezogen. Was hilft es, dass im Sommer frühmorgens viel kühle und frische Luft ins Haus geleitet wird, wenn die Temperaturen an dem Tag kaum über 20 Grad klettern werden? Ebenso wenig muss die Heizung im Winter auf höchster Stufe laufen, wenn man den Kamin an hat, man über mehrere Stunden kocht oder Gäste zu Besuch hat. Stattdessen muss die Luftfeuchtigkeit reguliert werden.

Die Technik bringt Tücken mit sich

Auch muss die Technik flexibel reagieren, wenn der Mensch eingreift. Ursachen für schlechte Gerüche gibt es viele. Lüften ist da meist das beste Mittel. Fehlfunktionen des Systems müssen ausgeschlossen sein, wenn die Fenster manuell geöffnet werden oder bei einer Straßen- oder Gartenparty Fenster und Türen den halben Tag sperrangelweit nicht geschlossen werden. Wenn im Hochsommer die Kinder zwischen Garten und Wohnbereich hin und her laufen, wird die Terrassentür die ganze Zeit offen stehen, an ein vorprogrammiertes Lüftungs- und Wärmekonzept braucht man dann keinen Gedanken verschwenden.

automatisierter_lichteinlass.jpg Im gleichen Maße muss die Haustechnik ausgleichen, wenn sich ein Fenster mal nicht öffnet oder nicht richtig schließt. Je komplexer das System ist, desto aufwändiger wird die Fehlersuche. Rückte man dem Fenster früher mit Schmierfett und vielleicht einer Unterlagscheibe zu Leibe, muss bei automatisierten Fenstern zudem überprüft werden, ob nicht der Motor defekt ist oder ein Fehler in der Programmierung vorliegt. Vergleichbar ist das mit einem modernen Auto. Auch hier wurde in den letzten Jahren viel automatisiert. Funktionen wie das ABS bemerkt man beim normalen Fahren gar nicht, Abstandsmesser und Einparkhilfen hingegen schon. Elektrische Fensterheber werden mittlerweile serienmäßig verbaut. Früher wurde bei einem Defekt in der Werkstatt zuerst die Motorhaube geöffnet und man sah in das Gesicht von Mechanikern, die selbst bei völliger Ahnungslosigkeit wissend nickten. Heute wird ein Computer angeschlossen, der die Daten des Fahrzeugs auswertet und so bei der Lokalisierung des Defekts hilft. Diese Entwicklung führte aber auch dazu, dass man sogar für Defekte, die man früher selber behoben hat, nun einen Fachmann braucht.

Diese Daten geben aber noch mehr preis. Sie können den Herstellern Rückschlüsse auf die Fahrweise des Halters liefern. Das sind Informationen, die auch für die Versicherung interessant sind. Heute laufen schon Projekte, in denen Fahrer sich mit der Aussicht auf günstigere Tarife von ihrer Versicherung freiwillig überwachen lassen.

Die Technik schafft den gläsernen Konsumenten

Auch für die Kranken- und Lebensversicherung stellt bereits ein Versicherungskonzern bessere Konditionen in Aussicht, wenn die Versicherungsnehmer ihre Fitness-Daten übermitteln. Aber auch unabhängig davon sind Tausende Deutsche mit Schrittzählern im Smartphone oder in der Smartwatch unterwegs, die den Puls kontrollieren. Manche laufen auch ganztägig mit einem Brustband herum und tragen nachts zusätzlich ein Stirnband oder haben Sensoren im Bett, um ihre Vitalwerte zu kontrollieren oder einen Überblick über die Schlafphasen zu haben. Aktuell ist das in erster Linie Spielerei, doch können diese Daten auch im Smart Home verwendet werden. Bei dem Beispiel für das Licht im Badezimmer sind das wertvolle Informationen. Und auch die weiteren Daten sind für die Versicherungskonzerne interessant. Doch nicht nur für die.

Das „Internet der Dinge“ zieht ins Haus ein

Mit dem Smart Home ist auch das „Internet der Dinge“ auf dem Vormarsch. Diese Entwicklung beschreibt die zunehmende Vernetzung der Geräte. Doch welche Dinge sind das? Vorstellbar ist zurzeit fast alles. Da wollen natürlich auch die großen Player im Online-Bereich mitspielen. Google kaufte vor gut zwei Jahren einen Hersteller für smarte Thermostate für zwei Milliarden Euro. Das wurde zunächst als der große Durchbruch für die smarte Haustechnik gefeiert. Danach ist es still um die Firma geworden. Die erste Frage war natürlich, was Google mit einem Thermostat-Hersteller anfangen möchte. Doch wie bereits beschrieben, hängt gerade die Temperatursteuerung in einem Haus mit zahlreichen anderen Geräten zusammen. Zudem lässt sich so genau kontrollieren, wer wann und wo im Haus ist. So lernt Google seine Konsumenten besser kennen und kann noch zielgerichteter Werbung platzieren. Man wäscht Wäsche? Kennen Sie schon dieses neue Waschpulver? Man ist im Bad? Dieses Toilettenpapier ist noch weicher!

Den nächsten Aufsehen erregenden Coup landete Amazon zum 1. April 2015. Ein Film tauchte im Internet auf, der zeigte, wie man nur auf einen per WLAN mit dem Internet verbundenen Knopf drücken musste, und schon wurde ein bestimmtes Produkt bestellt. Zunächst wurde spekuliert, ob es sich um einen Aprilscherz handeln könnte. Das stellte sich als falsch heraus, half jedoch bei der Verbreitung des Clips. Hinter diesem Button, der an eine Klingel erinnert, steckt jedoch eine perfide Taktik. Der sogenannte „Dash-Button“ ist mit dem eigenen Amazon-Konto verknüpft, lässt sich relativ frei auf ein Produkt programmieren und an einem beliebigen Ort in der Wohnung aufhängen. Beispielsweise neben der Waschmaschine. Den Button kann man nun auf sein Waschpulver programmieren. Sieht man, dass es zur Neige geht, drückt man den Button und Amazon liefert Nachschub. Ebenso könnte man mit Windeln, Druckerpatronen oder Kaffee verfahren. Für jedes Produkt hängt dann ein Button in der Wohnung. Spötter rätselten schon, wie viele Buttons man am Gewürzregal benötigen würde. Damit man nicht zu viel auf einmal bestellt, wurde auch eine Kindersicherung eingebaut. Wird der Knopf zu häufig bedient, bekommt man eine Nachricht auf sein Handy, die nachfragt, ob alles so seine Richtigkeit hat. Auf den ersten Blick wirkt das alles sehr komfortabel. Auf den zweiten Blick bedeutet so ein Button, dass man keine Preise mehr vergleicht und an Amazon und auch an ein Produkt gebunden bleibt.

Ob sich diese Technik durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Nicht alles was entwickelt und vorgestellt wird, wird sich als sinnvoll erweisen. Die Hersteller befinden sich in einer Orientierungsphase und probieren vieles aus. Allerdings hat der „Dash-Button“ deutlich bessere Chancen als ein Produkt, das wie kein zweites für das vernetzte Zuhause steht, aber nie überzeugen konnte. Die Rede ist vom Kühlschrank, der entnommene Lebensmittel automatisch nachbestellt. Die Nachteile waren zu offensichtlich. Warum sollte ein Kühlschrank etwas nachbestellen, das man nur alle sieben Pfingsten benötigt? Oder ein Produkt, das man nur einmal ausprobieren wollte, aber den Geschmack doch nicht traf. Selbst ein Kühlschrank mit eingebauter Kamera, mit der man von unterwegs überprüfen kann, was sich noch im Kühlschrank befindet, hat einen entscheidenden Haken: Was macht man, wenn ein Joghurt vor der Kamera steht?

„Intelligente Technik“, Einfallstor oder nur Fernbedienung?

Jedoch erhöht sich stetig die Zahl der Einrichtungsgegenstände und Gerätschaften im Haushalt, die auf irgendeine Art miteinander vernetzt sind. Während man einen PC oder das Smartphone aber mit einem Virenschutzprogramm und einer Firewall vor Zugriffen von außen schützt, ist das bei vielen Haushaltsgegenständen nicht vorgesehen. Viele Hersteller legen ihren Fokus derzeit auf die Funktion und nicht auf die Sicherheit. So ist, selbst wenn Sicherheitslücken entdeckt werden, nicht gesagt, dass diese so schnell wie bei PC-Programmen geschlossen werden — soweit es überhaupt ein Update gibt. Eins haben aber fast alle Geräte gemein: Sie liefern dem Hersteller Daten über die Nutzung, über eventuelle Fehler oder die Kombination mit anderen Geräten. Diese Daten werden in weiten Teilen anonymisiert gespeichert und ausgewertet. Das heißt aber nicht, dass die eine oder andere App, diese Informationen nicht speichert, ein Betriebssystem sie sich nicht zunutze macht oder ein Hacker die Daten unbemerkt protokolliert und zusammenführt.

frau_mit_fernbedienung.jpg Die Kommunikation der Geräte funktioniert heute vor allem über WLAN oder das Internet. Dabei spielt auch die Vernetzung der einzelnen Endgeräte eine entscheidende Rolle. Neben einem zentralen Computer, der vor allem die Hausautomatisierung managt, ist das Smartphone zum zentralen Bediengerät für die Haustechnik geworden. Doch nur weil sich etwas vom Smartphone steuern lässt, ist es noch lange keine intelligente Haustechnik. Intelligent ist eine Technik erst, wenn sie sich selbst an das Nutzungsverhalten der Bewohner anpasst, flexibel reagiert und man sie im Alltag kaum wahrnimmt. Wenn man nur auf Knopfdruck vom Smartphone das Licht an- und ausschalten kann oder das Fenster öffnet, ist das Smartphone letztendlich nur eine Fernbedienung. Das ist auch praktisch, doch wenn man erst das Smartphone aus der Tasche holen muss, um einen App zu starten, ist es meist schneller und unkomplizierter, selber zum Lichtschalter zu gehen. Allerdings ist es sehr angenehm, nicht für jedes Gerät eine eigene Fernbedienung haben zu müssen. Weil viele Hersteller aber ihre eigene Technik verwenden, sind nicht alle Funktionen in einem Haus miteinander kompatibel oder kombinierbar. Statt vieler verschiedener Fernbedienungen im Haus hat man nun viele verschiedene Apps auf dem Handy, die aber alle unabhängig voneinander funktionieren. Das ist nur bedingt komfortabel und solange die Geräte, bei denen es sinnvoll ist, nicht von alleine untereinander kommunizieren, ist es noch ein weiter Schritt bis zum richtigen „Smart Home“. Weil aber alle Geräte über ein Netz miteinander verbunden sind, kann ein ungewollter Zugriff schon durch ein kleines, ungeschütztes Gadget erfolgen.

Mit dem „Smart Home“ Energie sparen

Aus der Vielzahl vernetzter Geräte ergibt sich noch eine andere Schwäche des Smart Home-Konzeptes. Jedes vernetzte Gerät steht in dauerndem Standby-Modus. In diesem Modus verbraucht es kaum Strom. „Kaum“ ist aber nicht „nichts“. Viele Geräte die kaum Strom verbrauchen, verbrauchen in der Summe doch wieder einige Energie. Schließlich werden in einem richtigen Smart Home viele Geräte mit Strom versorgt, die zuvor keinen Stromanschluss brauchten. Man denke nur an die Fenster oder das Türschloss. Die Vielzahl der Sensoren wird in einem herkömmlichen Haus auch nicht benötigt. Um tatsächlich Energie zu sparen, muss die Technik also gut aufeinander abgestimmt sein. Nachhaltige Energiegewinnung im und am Haus gehört deswegen ebenso zum Intelligenten Wohnen wie der gesteigerte Wohnkomfort.

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