Kindersicherheit im Treppenbau - Gesetze und Vorschriften

Regeln werden für die normale, alltägliche Nutzung gemacht und sollten die persönliche Freiheit nicht unnötig einschränken. Dass die Begriffe "Kindersicherheit" und "Treppe" nicht so leicht unter einen Hut zu bekommen sind, leuchtet ein: Schließlich sind Treppen in ihrer Funktion als Verkehrswege eines Hauses alles andere als geeigneter Aufenthaltsbereich oder gar Spielplatz für Kinder. Architekten und Städteplaner müssen sich in diesem Zusammenhang ernsthaft fragen lassen, ob denn kostengünstiges Bauen fast immer zu Lasten der Kinder gehen muss und nicht genügend Freifläche sowohl innerhalb als auch außerhalb des Wohnbereiches eingeplant werden muss, damit Kinder sich spielerisch entfalten können.

Das sagt das Gesetz zur Kindersicherheit im Treppenbau

Der Gesetzgeber schreibt in einigen Landesbauordnungen spezielle Regeln bei der "Anwesenheit von Kindern" vor. Die DIN 18065 "Gebäudetreppen" fasst dies ein wenig genauer, in dem sie für "unbeaufsichtigte Kleinkinder" verschärfte Anforderungen stellt. In jedem Fall scheinen beide Regeln die Altersgruppe bis zum fünften Lebensalter von Kindern besonders berücksichtigen zu wollen, denn im Zusammenhang mit diesen Sonderregelungen werden mögliche Gefahren beschrieben, die in dieser Altersgruppe vorkommen, wie z. B. das Überklettern von Geländern oder das Hindurchfallen durch Öffnungen an der Treppe.

Die Fachkommission Bauaufsicht der ARGE BAU ( Bauministerkonferenz) hat bei der Überarbeitung der DIN 18065, Januar 2000, mit massivem Widerstand verhindert, dass klare Regelungen zur Geländer- und Umwehrungsausbildung festgeschrieben werden. Der Vertreter der ARGE BAU im Normenausschuss führte aus: In Übereinstimmung mit der MBO (Musterbauordnung) sieht auch die Neufassung der DIN 18065 wiederum vor, dass bei Wohngebäuden mit nicht mehr als zwei Wohnungen als Vorgabe zur Umwehrungsausbildung (Geländerausbildung), ausgenommen die Höhe der Absturzsicherung, verzichtet wird.

Dies stützt sich außer auf die Eigenverantwortung der Entwurfsverfasser auf zwei Grundgedanken: Zum einen auf den Grundsatz, den Bürger in seinem häuslichen Lebensbereich mit möglichst wenig Regelungen zu belasten, zum anderen auf die Tatsache, dass es zumindest im Bereich der Ein- und Zweifamilienhäuser vertretbar erscheint, im Hinblick auf die Eigenverantwortlichkeit der Eltern ihren Kindern gegenüber auf die engen früheren Regelungen zu verzichten.

Stellungnahmen zum Thema "Kleinkinder und Treppen"

Neuerdings werden jedoch anders lautende Stellungnahmen einzelner mit Bauordnungsrecht befasster Personen laut, obwohl glücklicherweise keinerlei Veränderung im Unfallgeschehen bei Treppen festzustellen ist. In einer neuen Stellungnahme der Fachkommission Bauaufsicht (ARGE BAU) heißt es: Mit unbeaufsichtigten Kleinkindern ist grundsätzlich in Wohngebäuden, Kindergärten und -krippen sowie in Kinderheimen zu rechnen. Unsere und die Meinung weiterer Normausschussmitglieder zum Thema Kleinkinder und Treppen: Treppen an sich besitzen ein gewisses Gefahrenpotenzial. Sie werden geplant und hergestellt für Personen, die trittsicher sind und die sich je nach körperlicher Konstitution unter Umständen unter Zuhilfenahme des Handlaufes auf- oder abwärts bewegen. 

Der Begriff "unbeaufsichtigte Kleinkinder" ist in Wohngebäuden mit bis zu zwei Wohnungen unzutreffend. Richtigerweise müsste von "gewohntem Wohnumfeld mit verantwortlicher Aufsichtspflicht und Erziehung zu entsprechendem Gefahrverhalten" gesprochen werden. Krabbelkinder gehören nicht ins Treppenumfeld, geschweige ohne Beaufsichtigung auf die Treppe. Gefahrenquellen müssen jeder Betreuungsperson bekannt sein und eigenverantwortlich beseitigt werden. Die Meinung teilen die Autoren übrigens auch mit der Bundesarbeitsgemeinschaft " Kindersicherheit". 

Die DIN 18065 "Gebäudetreppen" ist in den meisten Bundesländern bauaufsichtlich eingeführt und damit Bestandteil der jeweiligen Landesbauordnung. Für den Bereich der Ein- und Zweifamilienhäuser hat der Gesetzgeber dieses Regelwerk allerdings ausgeklammert, so dass die DIN 18065 lediglich als "private technische Regel mit Empfehlungscharakter" ( BGH-Urteil) gilt, die die anerkannten Regeln der Technik wiedergibt oder hinter diesen zurückbleiben kann.

Keine verbindlichen Regeln für Treppenplaner und Treppenbauer

Im Klartext heißt dies für den Treppenplaner und -bauer: Es gibt keine verbindlichen Regeln. Im Schadensfall benötigt er einen guten Anwalt und kompetente Sachverständige. Zudem ist er auf die sachgerechte Beurteilung des Richters angewiesen, denn im Ein- und Zweifamilienhaus stellt die DIN 18065 Zivilrecht und kein öffentliches Recht dar. Nehmen wir z. B. die Regeln für ein Relinggeländer für Treppen.

In den meisten Bundesländern entsprechen Geländer dieser Art der jeweiligen Landesbauordnung. Ausnahmen sind Berlin, Brandenburg, Hessen und Sachsen. Die DIN 18065 beschreibt in Ziffer 6.9.3: In Gebäuden, in denen mit der Anwesenheit von unbeaufsichtigten Kleinkindern zu rechnen ist, sind Treppengeländer so zu gestalten, dass ein Überklettern des Treppengeländers durch Kleinkinder erschwert wird. Dabei darf der lichte Abstand von Geländerteilen in einer Richtung nicht mehr als 12 cm betragen. Dies gilt nicht für Wohngebäude mit nicht mehr als zwei Wohnungen. Man kann als Treppenbauer davon ausgehen, dass - mit den oben beschriebenen Ausnahmen - eine Treppe zwar ein Geländer benötigt, jedoch im Bereich der Geländerfüllung für Planer, Kunden und Hersteller weitgehend Gestaltungsfreiheit herrscht.

Länderspezifische Relinggeländer

Somit entsprechen die in den Baufachzeitschriften abgedruckten Treppenbilder, welche im Wesentlichen nur aus Stufen und Handlauf bestehen, dem deutschen Länderbaurecht und der DIN 18065, wenn Sie denn in Ein- und Zweifamilienhäusern eingebaut, und zurzeit nicht in Berlin, Brandenburg, Hessen oder Sachen realisiert werden. In den meisten Bundesländern sind daher auch Relinggeländer erlaubt und möglich. Aber auch in jenen Ländern mit einschränkenden Regelungen kann der Treppenbauer solche Geländer einbauen, wenn er andere Sicherheitseinrichtungen vorsieht. Das können beispielsweise Absturznetze sein, die unter die Treppe gespannt werden. Oder es werden Scheiben aus Acryl oder anderen Materialien vor die Gurte montiert, damit ein Überklettern verhindert wird. Die jeweilige Schutzmaßnahme muss immer nur für die Zeit montiert sein, in der (Klein) Kinder im Hause sind.

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Ist die extravagante Treppe ohne Geländerfüllung noch zulässig oder nicht? An "Leichtigkeit" kaum zu überbieten, aber nichts für Kleinkinder ist dieses leichte Relinggeländer
 
Kundenberatung durch den Treppenhersteller ist hier sehr stark gefragt und notwendig. Im Schadensfall, d. h. wenn tatsächlich ein Kind über das Geländer klettert und herunter fällt, kann je nach Schwere der Verletzungen, eine völlig andere Sichtweise Bedeutung gewinnen, die sich im Wesentlichen auf die Allgemeinen Anforderungen bezieht und in jeder Landesbauordnung zu finden sind: § 3 Allgemeine Anforderungen (1) Bauliche Anlagen (...) sind so (...) zu errichten, dass (...) insbesondere Leben, Gesundheit (...) nicht bedroht werden und, das sie (...) benutzbar sind. Ein klares Ja oder Nein zu solchen oder ähnlichen Geländern kann - wie sollte es auch anders sein - trotz der bestehenden Regelungen nicht abgegeben werden. So ist uns z. B. ein Fall bekannt, bei dem ein Treppenhersteller auf Grund eines Gerichtentscheides mehrere Treppen wieder ausbauen muss, die mit Relinggeländern ausgestattet sind, obwohl kein Unfall geschehen ist.

Keine Unfallstatistik

Ähnlich verhält es sich mit dem lichten Stufenabstand. Bei der Suche nach einen Schuldigen erging vor kurzem noch ein Urteil, welches dem Treppenhersteller eine Teilschuld an einem Kindersturz zusprach, weil dieses zwischen Stufen hindurchrutschte. In dem oben genannten Urteil stützte sich das Gericht auf ein Gutachten, in dem ein angeblicher wissenschaftlicher Kenntnisstand beschrieben wurde, der tatsächlich jedoch nicht vorliegt. Über Unfälle auf Treppen gibt es in Deutschland keine aussagefähigen Informationen und Untersuchungen. Will man spezielle Informationen zu Unfällen auf Treppen im Zusammenhang mit Kindern, wird es ungleich schwerer an gutes Zahlenmaterial heranzukommen. Will man als Konstrukteur für Treppen die Unfallursachen durch geeignete Bauteile verhindern, stößt man an seine Grenzen, denn eine Untersuchung zu den Ursachen eines Unfalls auf Treppen gibt es nur aus dem gewerblichen Bereich.

Josef Ries,
Deutsches HolzTreppen Institut,
und Heinz Lammers,
Treppenmeister Partnergemeinschaft,
beide Mitglieder im Normenausschuss für Treppen