Fassadendämmung gerät zunehmend in die Kritik

haus_mit_daemmplatten.jpg Bis zum Jahr 2050 sollen alle Häuser energetisch saniert sein. Dieses ehrgeizige Ziel hat sich die Bundesregierung gesteckt. Zurzeit sind die Fortschritte etwas ins Stocken geraten. Denn energetische Sanierungen sind teuer und manche Pläne des Gesetzgebers sind eher gut gemeint, als gut gemacht. Ein Aspekt der immer wieder in die Kritik gerät, ist die Fassadendämmung.

Denn diese erweist sich zunehmend als problem­behaftet. Ein behebbares Problem ist Handwerk­erpfusch. Wenn man Gipskartonplatten beim Innenausbau auf eine Wand klebt, macht man dies punktuell. So lassen sich Unebenheiten ausgleichen und es spart Material. Manche Handwerker wenden diese Methode auch bei Fassadendämmungen an. Das ist grundfalsch, da dann nicht nur Luft hinter der Dämmung zirkulieren kann, wodurch der Dämmeffekt entfällt, sondern auch Tauwasser anfallen kann. Gerade in der Anfangszeit der Fassadendämmung trat dieser Fehler häufig auf.

Polystyrol wird zum Problemfall

Doch mittlerweile treten Probleme mit der Dämmung auf, mit denen zuvor nicht einmal Kritiker gerechnet hatten. Spechte haben die Fassade als Wohnraum für sich entdeckt. Sie klopfen Löcher in die dünne Putzschicht und richten sich im Polystyrol (Styropor) eine Bruthöhle ein. Wer will es ihnen verübeln? Natürliche Nistmöglichkeiten werden knapp und die Brutbedingungen im Styropor sind mit denen einer Holzhöhle vergleichbar. Die Dämmwirkung nimmt durch die Höhlen zwar nicht wesentlich ab. Doch schön sehen die Löcher in der Fassade nicht aus.

Ein anderer großer Kritikpunkt ist, dass Polystyrol aus Erdöl hergestellt wird. Die mit dem Brennschutzmittel HBCD versehenen Platten lassen sich nicht recyceln und werden verbrannt. Es wird also Material aus fossilen Brennstoffen verwendet, um eben diese einzusparen. Die Entsorgung ist ebenfalls alles andere als CO2-neutral. Diese spielt aber bei der Ökobilanz der Häuser keine Rolle. Auch bei den Wirtschaftlichkeitsberechnungen wird die Entsorgung nicht berücksichtigt. Doch gerade die ist für die Anschaffung entscheidend. Die Haltbarkeit von Fassadendämmung aus dem günstigen Polystyrol wird optimistisch auf 40 Jahre geschätzt. Pessimisten gehen von gerade einmal 15 Jahren aus. Wenn die Heizkosten in den nächsten Jahren nicht explodieren, werden sich selbst bei 40 Jahren Haltbarkeit die Kosten nur so gerade amortisieren.

styropordaemmung.jpg Finanziell lohnt sich die Fassadedämmung mit Polystyrol derzeit vor allem für Vermieter von Mehrfamilienhäusern, da sie die Investitionskosten auf die Mieter umlegen können. In manchen Fällen wird dies als bewusstes Mittel genutzt, um langjährige Mieter los zu werden. Viele Vermieter sind dabei in einem Dilemma und greifen bewusst auf kostengünstiges Polystyrol zurück. Sie haben mitunter keine andere Wahl, als die Fassade zu dämmen. Wenn diese nämlich neu verputzt werden soll, muss zuvor gedämmt werden. Anderenfalls drohen Bußgelder. Folgen der energetischen Sanierung sind häufig außerordentliche Mieterhöhungen in Höhe von 11 % der Investitionssumme pro Jahr. Kosteneinsparungen von wenigen Euro bei den Heizkosten stehen so Mieterhöhungen von bis zu 70 % gegenüber. Das ist trotz gesetzlicher Mietpreisbremse vollkommen legal.

Ein anderes Problem, dass sich erst in der Praxis zeigte, ist die Brennbarkeit von Polystyrol-Dämmung entgegen der Erwartungen höher ist. Zwar werden die Zulassungsbestimmungen ab August 2015 verschärft, doch bei Gebäuden, die nach dem bisherigen Standard gedämmt wurden, besteht erhöhte Brandgefahr. Polystyrol gilt als „schwer entflammbar“. Das ist natürlich etwas anderes als „unbrennbar“. Zwar schmilzt Polystyrol zunächst und tropft herunter, doch nach einer gewissen Zeit und bei ausreichend hohen Temperaturen, die z.B. bei einem Mülltonnenbrand entstehen, fängt es doch Feuer und wirkt dann wie ein Brandbeschleuniger.

Fenster verschwinden in Löchern

Architekten und Städteplaner schlagen bei manchen Dämmvorhaben die Hände über dem Kopf zusammen. Vor lauter Dämmwut und gesetzlichen Vorschriften bleibt von der Architektur eines Hauses nichts mehr über. Ganze Viertel verschwinden hinter dicken Dämmplatten und verlieren dabei ihre Charakteristik. Manche Hausbesitzer fliehen geradezu in den Denkmalschutz, um den strengen gesetzlichen Vorschriften zu entgehen. Denn für „besonders erhaltenswerte Bausubstanz“ sind die gesetzlichen Ansprüche weitaus niederschwelliger.

fassadendaemmung_am_haus.jpg Doch nicht nur schmucke Fassaden verschwinden hinter Dämmplatten. Als die Häuser gebaut wurden, hat man natürlich noch keine Gedanken an nachträgliche Fassadendämmung verschwendet. Stattdessen wurden entweder große Fenster verbaut, um die Lichtausbeute zu optimieren oder kleine Fenster, um den Wärmeverlust zu reduzieren. Dämmt man die Fassade nun nachträglich, macht sich das vor allem bei den kleinen Fenstern bemerkbar. Stellt man sich nun vor, dass auf die Fassade eine 16 Zentimeter dicke Dämmung aufgebracht wird, reduziert sich die Lichtausbeute massiv. In der Folge wird im Haus häufiger und eher das Licht eingeschaltet. Unterm Strich wird also weniger Energie gespart als erwartet.

Soll man auf Dämmung verzichten?

Gänzlich auf Dämmung zu verzichten, ist bei den ganzen Problemen natürlich ein naheliegender Schritt. Aber spätestens, wenn man auf dem Sofa friert und der Wind durch die Ritzen am Fenster drängt, könnte man auf den Gedanken kommen, dass der Verzicht nicht die klügste Entscheidung des Lebens war. Zu Dämmplatten aus Polystyrol gibt es Alternativen. Gerade wenn man nicht nur die Heizkosten im Blick hat, sondern auch ökologisch sinnvoll dämmen möchte, kann man auf Fassadendämmung aus ökologischen Dämmmaterialien wie Zellulose, Hanf oder Holzfaserplatten zurückgreifen. Die verwendeten Stoffe wachsen nach und können recycelt und kompostiert werden.

dachgeschossdaemmung.jpg Deutlich dünner kann die Fassadendämmung ausfallen, wenn man statt dicker Dämmplatten Wärmedämmputz verwendet. Wärmedämmputze lassen Wärme ins Haus und speichern die Sonnenwärme. Generell sollte die Sonne bei der Dämmung stets berücksichtigt werden. Ein Wand, die nach Norden ausgerichtet ist, ist naturgemäß kälter als eine, die nach Süden zeigt und entsprechend stärker von der Sonne angestrahlt wird. Diese Energie muss man nicht verschenken. Je nach Himmelsrichtung kann die Dämmung also unterschiedlich dick ausfallen. Das größte Einsparungspotential haben aber moderne Heizungsanlagen. Auch verhältnismäßig einfache und günstige Maßnahmen haben einen großen Effekt. Mit der Dämmung der Kellerdecke lassen sich bereits 10%der Energiekosten einsparen. Über das Dach gehen bis zu 30% der Energie verloren. Eine Dämmung hier hat also einen besonders großen Effekt.

Fotos: www.fotoatelier-schumacher.de, epr/Isover