Die Altlasten bei den Hinterhöfen

In der Bundesrepublik incl. der neuen Länder gibt es ein erhebliches städtebauliches Problem, mit dem sich sehr selten eine Architektenkammer, ein Professor für Architektur oder Bauingenieurwesen und so gut wie nie eines der siebzehn Bauministerien auf Landesebene incl. des Bundesbauministeriums beschäftigen — die Altlasten bei rückwärtiger Bebauung und bei den Hinterhöfen. Das Problem lässt sich sehr gut an diesem Foto verdeutlichen, das nur deshalb solch einen „schönen“ Dokumentarwert hat, weil ein angrenzendes Grundstück unbebaut ist und man deshalb die Bebauung in ganzer Länge fotografieren konnte.:

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Da ist also ein zweieinhalbgeschossiger Altbau zu sehen — ein heute als hässlich empfundenes Bauwerk anno 1910 (1). An diesen Altbau mit Satteldach hat man nun rückwärtig einen schlichten zweigeschossigen Anbau mit Flachdach gesetzt (2). Aber damit nicht genug — an den Anbau wurde (auf dem Foto gerade noch sichtbar) ein weiterer Anbau „geklatscht“, diesmal ein eingeschossiges Häuschen — ebenfalls mit Flachdach (3). Und damit man aus diesem Anbau an einen Anbau auch einen interessanten Ausblick hat, wurde eine Garage (4) davor gesetzt. Da muss man fragen: Welches Bauamt hat diesen Murks genehmigt? Sicherlich keines — es dürften Schwarzbauten sein.

Wo dieses „Ensemble“ steht? In einer westdeutschen Kleinstadt mit Villenvierteln und einem hohen Anteil an millionenschweren Bürgern. Man muss also nicht in Arbeitersiedlungen von Gelsenkirchen, Oberhausen oder Bitterfeld nach solchen Beispielen fahnden — sie finden sich überall. Wir zeigen „gerne“ zwei weitere Beispiele, wie sich Anbauten verselbständigt haben, diesmal in einer Großstadt im Rheinland.

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Die Redaktion von baumarkt.de weiß natürlich, wie es zu diesen Hinterhof- und Anbausituationen gekommen ist. Nach dem 2. Weltkrieg mussten Millionen Flüchtlinge untergebracht werden - und das in Städten, die teilweise in Grund und Boden gebombt worden waren. Da fragte keiner nach Bauplänen und Baugenehmigungen. Von innen statteten die Bewohner ihre Anbau- und Hinterhofwohnungen so wohnlich wie irgend möglich aus und gewöhnten sich an ihre Wohnsituation. Auf dem großen Foto am Anfang dieses Beitrags ist zu sehen, wie sich eine Familie ein kleines grünes Plätzchen vor ihrer Anbauwohnung eingerichtet hat. Man versucht halt, das Beste aus dem Wohnumfeld zu machen.

Anbauten wie auf diesen nachfolgenden Fotos verstecken sich nicht in einem Hinterhof, sondern schließen sich gleich an eine öffentliche Straße an. Dass das Stadtbild unter solchen Objekten leidet, ist für jeden nachvollziehbar. Und ob sich die Personen, die hinter dem großen Fenster mit dem Rollladen (5) wohnen und ihre Behausung über einen Seiteneingang (6) erreichen, besonders wohl fühlen, muss bezweifelt werden.

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Für Architekten wäre es eine Herausforderung, die alten Anbauten abreißen zu lassen und neue zu errichten — dann natürlich in energieeffizienter Bauweise und gefördert von der KfW. Aber spezielle Fördermittel wie etwa ein Hinterhof-Sanierungsprogramm gibt es leider bisher nicht. KfW steht für „Kreditanstalt für Wiederaufbau“ und gemeint war damals bei Gründung der Bank der Wiederaufbau in Deutschland. Inzwischen ist das Institut für Hilfsmaßnahmen in Griechenland vorgesehen. Es würde die Redaktion von baumarkt.de nicht wundern, wenn die KfW Mittel für die Hinterhofsanierung in Neapel oder Dublin bereit stellt.

Fotos: www-fotoatelier-schumacher.de