Der Schimmelpilz in Innenräumen

Hier schreibt ein Chemiker, weshalb das Schimmelproblem immer größer wird.



Der Feuchtehaushalt eines Gebäudes ist mit einem Wasserbehälter vergleichbar. Der Behälter ist bereits mit einer bestimmten Wassermenge gefüllt und kann ein maximales Gesamtvolumen aufnehmen. Nun fließt weiterhin Wasser zu, und eine bestimmte Menge an Wasser wird abgeführt. Ist das Gesamtvolumen erreicht, läuft der Behälter über, es treten also Feuchteprobleme auf.

  schimmel02.jpg

Ein Haus kann nur eine bestimmte Menge Feuchtigkeit aufnehmen, ohne dass Wasser an Oberflächen kondensiert. Die vorhandene Feuchtigkeitsmenge im Haus (also vergleichbar mit der Wassermenge, die sich bereits im Gefäß befindet) besteht u.a. aus der Restfeuchte nach dem Bauen.
Durch Aktivitäten wie Kochen, Waschen, Duschen und durch eine erhöhte Luftfeuchte in der Außenluft erhöht sich in unserem Modell die Feuchtigkeitsmenge. Durch Lüften und Feuchtediffusion durch das Mauerwerk kommt es zu einem gewissen Feuchte-Austrag. Wird mehr Feuchtigkeit zugeführt, als abgegeben werden kann, kondensiert Wasser an der Gebäudekonstruktion oder an Einrichtungsgegenständen - im Beispiel bringt diese zusätzliche Wassermenge das Gefäß zum Überlaufen.

Was Schimmelpilze zum Wachsen brauchen



Schimmel- und Bakterienbefall haben in der Regel nichts mit Unsauberkeit zu tun, die Sporen sind allgegenwärtig. Finden sie geeignete Lebensumstände, beginnen sie zu wachsen. Dazu brauchen Schimmelpilze und Bakterien nur ausreichend Feuchtigkeit und Nahrung. Dabei sind geringe Mengen organischer Substanzen ausreichend: bereits geringe Seifenreste und Hautschuppen sind z.B. ausreichend damit ein Duschvorhang schimmelt.

Das Schimmelproblem ist nicht neu...



Das schwedisches Buch "Allgemeine Gesundheitspflege" schreibt im Jahr 1899: "In früheren Zeiten hatte man so viel Angst vor Schimmel im Haus, dass man eine schimmelige Wohnung so lange als völlig unbewohnbar betrachtete, bis sie vollständig gereinigt war. (...) Ein Haus mit schimmeligen Wänden soll von der Pest besessen sein, und wenn die Schimmelflecken, nachdem sie einmal entfernt worden waren, wieder auftauchten, wurde das Haus abgerissen oder verlassen." Anfang des 19. Jahrhunderts war man sich der Schimmelproblematik derart bewusst, dass man anfing, Häuser auf Streifenfundamenten zu bauen, um das Problem der aufsteigenden Feuchtigkeit zu beseitigen. Ausserdem wurden diese Fundamente belüftet und akribisch frei von organischen Substanzen gehalten, damit "sich ungesunde Dünste" nicht "in die darüberliegenden Räume einschleichen".

...wird aber wieder akut durch moderne Baustoffe und Bauweisen



Mit der Einführung moderner Baustoffe schien das Problem des Schimmelpilzbefalls gelöst und geriet in Vergessenheit. Es zeichnet sich jedoch ab, dass wir umdenken müssen, denn gerade die modernen Baustoffe und Bauweisen sind es, die das Problem heute wieder akut werden lassen. Dafür gibt es im wesentlichen fünf Gründe:

1. Kürzere Bauzeiten


Wurde ein (Massiv-)Haus vor etwa 10 Jahren über einen Zeitraum von 18 bis 24 Monaten gebaut und blieb in der Regel einen Winter über im Rohbau stehen ("Das Wasser muss 'rausfrieren"), wird ein Gebäude heute nach 6 bis 9 Monaten Bauzeit bezogen. Die Folge: das Haus ist bereits von Beginn an "feuchter" als früher.

2. Erhöhter Wasserzusatz in Baustoffen


Bauen soll nicht nur schneller, sondern auch einfacher werden, u.a. durch eine leichtere Verarbeitbarkeit von Baustoffen. Ein höherer Wasseranteil und Zusätze wie Fliessverbesserer und Konsistenzbildner machen dies möglich. Auch hierdurch nimmt die in Neubauten bereits vorhandene Feuchtigkeit weiter zu. Teilweise handelt es sich bei den Zusätzen um organische Stoffe, die gleichzeitig eine hervorragende Nahrungsgrundlage für Pilze und Bakterien bilden. Man geht heute davon aus, dass in einem konventionell (massiv) gebauten Haus beim Bezug ein Restwassergehalt von 1.400l / 100m² vorhanden ist. Dies bedeutet: Auf jedem Quadratmeter des Hauses steht ein gefüllter 10-l-Eimer und in den kältesten Raum (z.B. in das Schlafzimmer) werden zusätzlich 40 10-l-Eimer Wasser pro 100m² geschüttet.

3. Luftdichtere Bauweisen


Konnte überschüssige Feuchtigkeit früher durch undichte Fenster oder diffusionsoffenes Mauerwerk nach außen abgeführt werden, entfällt dieser Weg durch die energetisch sinnvollen Abdichtungsmassnahmen heute fast vollständig. Im Rahmen der notwendigen Energieeinsparungen schliessen Fenster völlig luftdicht, und das Mauerwerk ist durch Dämmstoffe oder Putze aus Kunststoffen nicht mehr diffusionsfähig. Die Technik hält Lüftungsanlagen bereit, die hier Abhilfe schaffen können.

4. Verändertes Nutzerverhalten


Auch das Nutzungsverhalten der Bewohner hat sich verändert und erhöht den Feuchtigkeitseintrag zusätzlich: tägliches Waschen, Wäschetrocknen, Duschen, Kochen, etc. lässt den Feuchteeintrag in den Wohnräumen weiter ansteigen.

5. Geringeres Puffervermögen der neuen Baustoffe


Früher wurden in grösserem Masse Baustoffe wie Holz, Lehm, Ziegel, Kalk oder Gips eingesetzt, die teilweise ein enormes Puffervermögen haben (sie nehmen Feuchtigkeit bereitwillig auf und geben sie ebenso bereitwillig wieder ab). Die heute verwendeten Baustoffe und Oberflächenversiegelungen (Kunststoff- und Glasfasertapeten, Fliesen, lackierte Böden, versiegelte Dekordecken etc.) verhindern diesen Austausch. Die mögliche Gesamtaufnahme von Wasser wird geringer als früher.


Bedeutung für das Gebäude...
Durch kondensierte Feuchtigkeit können schwerwiegende Gebäudeschäden entstehen: Oxidation von Metallteilen (z.B. Putzschienen), Zerrüttung von Baustoffen, abplatzender Putz, Frostschäden, Verfärbungen, Verlust der Dämmwirkung von Wärmedämmstoffen, Verformungen durch Quellen und Schrumpfen der Baustoffe pder Riss- und Spaltenbildung.

... und für die Bewohner
Tritt wiederholt oder langanhaltend kondensierte Feuchtigkeit in einem Gebäude auf, beginnen Schimmelpilze und/oder Bakterien zu wachsen. Dabei produzieren sie Sporen zur Fortpflanzung und Stoffwechselprodukte, welche ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko darstellen.


Der Beitrag wurde verfaßt und uns dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt von Jörg Thumulla, Chemiker bei ANbus e.V. Der gemeinnützige Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, über Umweltbelastungen im Bau- und Wohnbereich aufzuklären. Näheres erfahren Sie, wenn Sie hier klicken.