Das Für und Wider bei glänzenden Dachziegeln

Seit etwa 2008 ist ein Trend zu beobachten, an dem sich die Geister scheiden. Mehr und mehr Dachflächen glänzen nämlich wie die Speckschwarten, weil auf einmal glasierte Dachziegel in Mode gekommen sind. Ist das nun eine Sitte oder ist es eine Unsitte? Werden dadurch Häuser im Wert gesteigert? Können Dächer, die mit glasierten Ziegeln gedeckt worden sind, die Autofahrer blenden, wenn die Sonne auf das Dach mit den glasierten Ziegeln prallt?

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Typischer Werbeaufsteller eines Herstellers von Dachziegeln, wie man ihn im Baustoffhandel und bei Dachdeckern sieht. Die unglasierten Dachziegel glänzen nicht, wohl aber die glasierten.

Die Redaktion von baumarkt.de möchte das Problem einmal auf andere Weise verdeutlichen: Wie sähen Deutschlands Dörfer und Städte aus, wenn auf einmal alle Hausfassaden mit einer Glasur überzogen und wie die schon erwähnten Speckschwarten glänzen würden? Die Antwort kann sich jeder unserer User selbst geben und sie wird lauten: fürchterlich!

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Damit Autofahrer nicht verwirrt oder sogar geblendet werden, verbieten die Orts­satzungen der Städte und Gemeinden, dass Leucht­re­klamen (und dann auch noch solche mit blinken­dem Rotlicht) dicht vor Ampel­anlagen aufgestellt werden. Bei den auf einmal in Mode gekommenen glasierten Dachziegeln scheint der Blend­effekt bisher noch nicht in die Amtsstuben der Bau­ordnungs­ämter gedrungen zu sein. Der aber kann gewaltig sein, wie man auf dem nebenstehenden Foto fraglos erkennen kann. Der Auto­fahrer, der eine Straße befährt, in der gerade ein Dach in blen­den­den „Hochglanz“ getaucht wird, wird unweigerlich irritiert, wenn nicht geblendet. Irgendwann wird sich die Recht­sprechung mit dem Thema befassen, wenn es mal in einer solchen Straße gekracht hat.

Die Frage ist auch, ob man es sich als Nachbar gefallen lassen muss, wenn man (frau) in der eigenen Küche arbeitet und bei Schönwetter stundenlang vom nachbarlichen Dach aus angestrahlt wird. Muss der Nachbar dann eine Jalousie am Küchenfenster anbringen, damit er nicht mehr geblendet wird — mit dem Nebeneffekt, dass er dann auch nicht mehr aus seinem Fenster in die Landschaft oder in den Garten blicken kann und am helllichten Tag die Küchenbeleuchtung einschalten muss?

Unglasierte Dachziegel sind von Natur aus porös, aber nicht wasserdurchlässig. Feuchtigkeit, die sich unter dem Dach ansammelt, kann aufgrund der porösen Struktur idealerweise nach außen abgegeben werden. Durch das Überziehen der Ziegel mit einer Glasur aus gemahlenem Glaspulver, die beim Brennprozess fest mit dem Ton-Rohling verbunden wird, wird dieser natürlich Feuchteausgleich unterbunden. Im Winter kann das durch gefrierende Nässe zu Abplatzungen der Glasur führen. Dem beugt man inzwischen vor, indem in die Glasur feinste Poren eingelassen werden. Aber Langzeitversuche über die Haltbarkeit und Witterungsresistenz der Speckschwarten-Dächer gibt es bisher nicht — anders als bei den ganz normalen Dachziegeln. Die haben sich nämlich über Jahrhunderte bewährt.

Umstritten ist auch der angebliche Lotuseffekt der glasierten Dachziegel und die Behauptung, auf ihnen würden sich weniger Algen und Moos festsetzten. Die Hersteller äußern sich zu diesem Thema mit „ja — aber — wenn“, was auch verständlich ist. Schließlich stellen sie ja beide Dachziegeltypen her und erzielen mit den glasierten Dachziegeln eine höhere Wertschöpfung. Nicht so die Redaktion von baumarkt.de. Die empfiehlt die ganz normalen Dachziegel.

Fotos: www.fotoatelier-schumacher.de