Aus welchem Material sind die Häuser von morgen?

"Aus Holz", ist Architekt Lic. tech. Kimmo Kuismanen überzeugt. "Das Haus der Zukunft ist ein natürliches, aus Holz gebautes intelligentes Haus, in dem das Umbilden von Räumen so leicht wie möglich ist." Im Hintergrund dieser Vorhersage steht eine Umfrage, die das Architekturbüro Kimmo Kuismanen zusammen mit der Beratungsfirma Head Consulting im Rahmen des Projekts "Vision 2010" der finnischen Holzwarenindustrie verwirklicht hat.

"Unsere Analyse basiert auf umfangreichen Interviewrunden in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich und Polen. Befragt wurde eine große Zahl von Fachleuten des Bau- und Einrichtungssektors, von Architekten und Bauunternehmern bis hin zu Immobilienmaklern. Zusätzlich führten wir Diskussionen mit Spezialisten, die sich von Beruf her mit der Zukunft befassen. In der Futurologie, also der Zukunftsforschung, bemüht man sich, schon in frühem Stadium kleine Veränderungen zu erkennen, die Hinweise auf künftige Entwicklungen enthalten könnten, und diese Hinweise richtig zu deuten. Wer nur die großen Trends der heutigen Zeit im Auge hat, der steht in der Zukunft auf verlorenem Posten", so Kuismanen. 

Glasfassaden und Betonbunker "Stil des Jahrhunderts"

Nach Kuismanen gibt es immer deutlichere Zeichen dafür, dass die moderne Architektur der zurückliegenden Jahrzehnte mit ihren Glasfassaden und Betonbunkern zusehends als altmodisch, "als Stil des letzten Jahrhunderts" angesehen wird. Die Verbraucher der westlichen Welt werden der eintönigen Wohnsiedlungen überdrüssig und suchen Qualität und authentische Milieus zum Wohnen. Das Bauen mit Holz kommt zu neuen Ehren, da man die eigenen vier Wände immer mehr als Ort der Ruhe empfindet, in dem Grundwerte gelten - im Gegensatz zum Leben außerhalb des Hauses, das von vielen als unruhig und unsicher empfunden wird. In Zukunft wollen die Menschen, dass ihre Grundwerte - beispielsweise ein ökologischer Lebensstil - auch in der Einrichtung ihres Hauses und in den technischen Lösungen reflektiert werden. Die Nachfrage nach Wellness-Produkten, natürlichen Materialien und energiesparenden Alternativen wächst ständig. "Die Menschen achten schon heute auf die Beschaffenheit der Nahrung, die sie zu sich nehmen. Irgendwann werden sie beginnen, sich auch Gedanken über die Beschaffenheit der Innenluft zu machen, die sie atmen. Im Haus der Zukunft braucht man natürliche Ventilationssysteme, Wärmerückgewinnung und natürliche Oberflächenmaterialien. Diesen Erwartungen sollten wir durch die Entwicklung von Gesundheitshaus-Konzepten entgegenkommen, in denen Holzprodukte eine herausragende Rolle spielen."

kuis02.jpg Kuismanen überlegt, ob man das Haus der Zukunft mit seinen Holzprodukten und intelligenten Eigenschaften unter irgendeiner bekannten Gesundheits- oder Wellness-Marke vermarkten könnte. "Solche Beispiele findet man in anderen Bereichen, warum also nicht auch im Häuserbau?" Gleichzeitig weist er jedoch darauf hin, dass vorerst nur die Wenigsten bereit sind, höhere Preise für Ökoprodukte zu zahlen. "Wenn zwei gleich teure Produkte zur Auswahl stehen, wählt der Verbraucher fast immer die umweltfreundlichere Alternative. Müssen aber für das Ökoprodukt zehn Prozent mehr hingeblättert werden, dann entscheiden sich die meisten für die billigere Alternative. Der Wertewandel ist ein langsamer Prozess." In den Häusern der Zukunft werden Menschen mit einem noch breiteren und vielfältigeren Spektrum an Wünschen und Bedürfnissen leben. Der Anteil der Singles in der Bevölkerung wächst und die Standardfamilie besteht nicht unbedingt mehr aus Mutter, Vater und zwei Kindern. Fernarbeit nimmt zu und die Bevölkerung altert. An die Wohnungen werden ganz neue Anforderungen gestellt. Das Altern der Bevölkerung zieht auch eine wachsende Nachfrage nach kleineren Grundstücken nach sich, die Nachfrage nach großen Grundstücken geht entsprechend zurück. Somit werden künftig mehr Stadtbewohner die Möglichkeit haben, ein eigenes Haus zu bauen, in niedrig und dicht bebauten Wohngebieten, für die sich gerade Holzhäuser besonders gut eignen.

Traditionelle Holzbauweise vereinigt mit morderner Architektur

Kuismanen glaubt, dass die moderne Holzstadt der Zukunft die Behaglichkeits- und Qualitätserwartungen ihrer Bewohner erfüllt. Die moderne Holzstadt ist im Idealfall ein authentisches Milieu, in dem sich die wesentlichen Behaglichkeitsfaktoren und die besten Seiten traditioneller Holzbauweise mit modernder Architektur und neuzeitlichem Komfort vereinigen. Holzhausviertel können leicht so geplant werden, dass sich kompakt angeordnete Häuser und Straßen zu einer behaglichen Wohnumgebung menschlichen Maßstabs zusammenfügen. "Die neuen Einfamilienhäuser und mehrstöckigen Wohnhäuser aus Holz bieten einen ganz anderen Wohnkomfort als die Holzhäuser früheren Zeiten. So werden die Wohnungen heute erheblich besser schallgedämmt. Für Brandsicherheit ist durch feuerfeste Oberflächen sowie durch Feuerlöschanlagen und Fluchtwege gesorgt", erklärt Kuismanen. Er ist davon überzeugt, dass Holz in den kommenden Jahren auch im Bürohausbau Bedeutung gewinnen wird. "Es gibt schon jetzt eine ganze Reihe von Entwicklungsprojekten für Bürohäuser aus Holz. In den nächsten zwei, drei Jahren werden wir mehr von ihnen hören. Ob und in welchem Umfang Holz im Bürobau verwendet wird, hängt ganz von dem Bild ab, das die betreffende Firma von sich vermitteln will. In zehn Jahren wird so manches Unternehmen seine Hauptverwaltung in einem Holzhaus haben." Trotz der erfreulichen Zukunftsaussichten sind auf dem Wege zum Holzhausbau größeren Maßstabs noch mancherlei Hindernisse auszuräumen. "Damit das Bauen mit Holz in Mitteleuropa wirklich durchstarten kann, müssen alle Baunormen und -vorschriften unter die Lupe genommen werden, um sicherzustellen, dass den Holzhäuserbau hemmende Bestimmungen aufgehoben werden", betont Kimmo Kuismanen.

Förderung für Bauen mit Holz

kuis03.jpg Die Nutzung von Holz als Baumaterial kommt den Bemühungen um Bekämpfung des Treibhausklimas zugute, denn das im Holz gespeicherte Kohlendioxid bleibt während der ganzen Lebensdauer des Gebäudes der Atmosphäre entzogen. Etliche europäische Länder haben sich deshalb auch verpflichtet, zur Verringerung der Treibhausgase das Bauen mit Holz zu fördern. Solche Grundsatzentscheidungen erleichtern die Bemühungen um Beseitigung der Holzbauhindernisse. "Jetzt muss man noch die Bauwirtschaft dazu bringen, diese Regierungsbeschlüsse in die Praxis umzusetzen, danach werden wir in Mitteleuropa das Entstehen weitläufiger Holzhausviertel erleben", glaubt Kuismanen. Neben regulären gesetzlichen Vorschriften steht dem Bauen mit Holz eine Reihe von ungeschriebenen Gesetzen und verfestigten Gebräuchen im Weg. "Vielen Architekten fehlen die nötigen Kenntnisse zum Entwerfen von Holzgebäuden, Bauunternehmen wiederum sind nicht für Anfragen von potenziellen Holzhauskunden gerüstet. Mangelnde Erfahrung hat mangelnde Bereitschaft zum Bau von Holzhäusern zur Folge. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, muss dafür gesorgt werden, dass das Know-how des Holzbauens in den betreffenden Fachkreisen ausreichende Verbreitung findet."

Kuismanen listet mögliche Maßnahmen auf: "Die ersten großen Holzhausobjekte sollten mit finanzieller Unterstützung durch die öffentliche Hand als Gemeinschaftsprojekte von Bauherren, Architekten, Bauunternehmen und Subunternehmern verwirklicht werden. Die Architekten und anderen Planer müssen geschult werden, für Bauunternehmer muss man fertige Komplettlösungen vorbereiten. Die Objekte müssen der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden und man muss dafür sorgen, dass das Feedback von Bauunternehmern wie auch von Holzhausbewohnern beispielsweise bei Seminaren für Fachleute der Branche die Runde macht", schlägt Kuismanen vor und weist noch daraufhin, dass die Schulung gründlich sein muss. "Mit bloßen Sightseeingtouren durch Holzhäuserviertel ist es da nicht getan."