"Patchwork-Familie" ist der zeitgenössische Begriff für eine Familie, in der "meine Kinder", "deine Kinder" und "unsere Kinder" friedlich zusammen leben. Das ist jedenfalls die Idealvorstellung. In Wahrheit gibt es in Patchwork-Familien Grabenkämpfe und versteckte Bosheiten - ganz so wie bei normalen Familien. Was unser Autor jedoch über die Patchwork-Familie Knösel-Tütenbeck zu berichten hat, liegt leicht außerhalb der Normalität.
Die Bordüre der Patchwork-Familie Knösel-Tütenbeck
Sarah Tütenbeck, Mutter von zwei vorwiegend kreischenden Töchtern namens Jennifer und Alice im Alter von 8 und 11 Jahren, sowie Jan Knösel, Vater des zu Verdrossenheit neigenden Gymnasiasten Fabian (15 Jahre alt) sowie der zu nächtlichem Windelbescheißen neigende "Mutzi", der gemeinsame zweijährige Sohn des Ehepaars, leben in einer solchen Patchwork-Familie, zu der auch noch ein Mops gehört, genannt "Pollo", den Frau Tütenbeck mit in ihre neue Familie gebracht hat und der gerne auf Teppichboden pinkelt. Zum Ausgleich tituliert der Papagei von Fabian Knösel jeden, der sein Zimmer betritt, als "Drecksau".
Zwecks Aufwertung der gemeinsamen Häuslichkeit hat Frau Tütenbeck eine Tapetenbordüre im Wohnzimmer an die Wände geklebt. Ein zartblaue Bordüre mit rosa Streifen, unterbrochen von farbenfrohen Blüten. Die Reaktion der Familienmitglieder wird hier wahrheitsgemäß wiedergegeben.
- Das Kleinkind Mutzi sagte gar nichts, sondern schmiss den Eimer mit dem Kleister um.
- Der Mops Pollo trat in den Kleister, fand die Sache lustig und wälzte sich in der Kleister-Lache. Danach entledigte er sich überschüssigen Urins. Und alles auf Teppichboden.
- Fabian bezeichnete die Tapete als total uncool.
- Jennifer machte den Vorschlag, die Bordüre doch lieber abzureißen und unter den Decke zu kleben.
- Alice bedauerte, dass ihre Lieblingsblumen, nämlich gelbe Mageriten, nicht in der Bordüre enthalten seien.
Ob all der Widrigkeiten beschließt nun Frau Tütenbeck, sich einen Tee zu kochen, und zwar zur Beruhigung. Kaum sitzt Frau Tütenbeck und nippt an dem heißen Tee, als hinter ihr jemand "Drecksau" krächzt. Es ist der Papagei auf Fabians Schulter, der eigens ins Wohnzimmer getragen worden ist, um seinen Kommentar zur Bordüre abzugeben.
Natürlich erschrickt Frau Tütenbeck, kippt sich den heißen Tee über die Jeans, schreit auf, springt auf und reißt die Teekanne vom Tisch. Fabian Knösel, den Papagei auf der Schulter, will die Teekanne retten (schließlich ist er Handballspieler), rutscht jedoch auf dem Kleister aus und fällt in die mittlerweile zerbrochene Teekanne, wobei er sich eine Schnittwunde am Handballen zuzieht.
Nun betritt Herr Knösel die Szene. Er kommt gerade von einem Anwaltstermin in Sachen Sorgerecht zurück. Er reißt die Augen auf und ruft: "Ja was ist denn hier los!"
Sein Sohn, die blutende Hand reckend, jammert "Ich sterbe!"
Und seine Gattin, völlig konfus und mit den Tränen kämpfend: "Ich bin gerade dabei, unser Wohnzimmer zu verschönern!"
Wolfram Dübbel |