Aufmerksame Leser dieser Kolumne wissen bereits, dass unser Autor mit seinem Schwiegersohn auf Kriegsfuß steht. Diesmal hat sich ein wahres Familiendrama ereignet, weil dem Schwiegersohn bei der Demontage einer Innentür der sogenannte Drückerstift abhanden gekommen ist. Aber lesen Sie selbst!
Wenn der kleine Drückerstift flöten geht
Mein Schwiegersohn hat eine neue Innentür kaufen müssen, weil die alte auf einmal ein Loch aufwies. Wie das Loch in das Türblatt gekommen ist, darüber gibt es verschiedene Versionen. Die Glaubwürdigste ist, dass mein Schwiegersohn besagte Innentür zum Badezimmer mit Schwung geöffnet und gegen den Fenstergriff des ebenfalls geöffneten Badezimmerfensters geschleudert hat. Das mag eine Innentür der Marke billig, die als Innenleben nur ein Netz aus Pappwaben aufweisen kann, aber überhaupt nicht.
Meine Enkelin schlug vor, über das Loch ein Plakat der Gruppe "Die Ärzte" zu kleben. Meine Tochter schlug vor, ein Emailleschild darüber zu schrauben mit der sinnigen Aufschrift "Vor dem Verlassen des Bades sind die Kleider zu ordnen". Aber nichts da - eine neue Tür mußte her.
Also demontierte mein Schwiegersohn zunächst einmal die Drückergarnitur. Dann kaufte er das neue Türblatt, setzte es problemlos ein und montierte auch die alte Drückergarnitur an das Türblatt. Aber ach - der winzige kleine, konisch geformte Drückerstift, der die beiden Türgriffe zusammenhält, war spurlos verschwunden. Mein Schwiegersohn suchte eine Stunde, dann senkte er einen kleinen Nagel in den Schlitz des Metallstabes, der die beiden Griffe verbindet. Ergebnis: Die Griffe wackelten.
Auf den Nagel folgte eine kleine Schraube. Ergebnis: Die Griffe wackelten immer noch.
Nun brauste mein Schwiegersohn auf und davon, irgendwo einen Drückerstift zu kaufen. Doch wer handelt schon mit solchem Kleinkram? Niemand! Als er nach zwei Stunden zurückkam, hörte man ihn fluchen: "Jeden Scheiß gibt es zu kaufen, aber keinen Drückerstift."
Ich habe mich drei Tage später des Problems angenommen und bei einem Besuch im hiesigen Ordnungsamt unter Zuhilfenahme einer kleinen Zange aus einer Behördentür den Drückerstift heraus gezogen.
Den Stift habe ich feierlich meinem Schwiegersohn überreicht, der die Augen aufriß und fragte: "Ja wo hast Du den denn her?"
Ich habe wahrheitsgemäß geantwortet: "Den bekommt man im Ordnungsamt!"
Um es kurz zu machen: Mein Schwiegersohn hat mit einer Kaffeekanne nach mir geworfen. Ich habe mich geduckt und die Kanne landete auf dem Rücken meiner Tochter. Die liegt nun mit Verbrennungen im Krankenhaus, denn der Kaffee war frisch aufgebrüht.
Und auf meinen Schwiegersohn kommt ein Strafverfahren wegen Körperverletzung zu. Und das alles wegen eines winzig kleinen Stahlstiftes.
Wolfram Dübbel |