Das ist nun keine Satire: In Dorsten entsteht in gigantischen Hallen eine vollautomatische Wohnungsbauanlage. In robotergesteuerter Fertigung sollen hier sog. "Europahäuser" vom Fließband rollen - ein Hausbau nach dem Vorbild der Fließbandfertigung in der Automobilindustrie. Unser Autor Wolfram Dübbel konnte Herrn Dr. Bernhard Äugler, zur Zeit damit beschäftigt, auf dem Kapitalmarkt weiteres Geld für das Mammutprojekt aufzutreiben, einige Fragen stellen.
Bauhandwerker und Architekten überflüssig
Dübbel: Wenn ich Ihren Prospekt richtig verstehe, sind die zukünftigen Bauwerkzeuge Fertigungsstraßen, Roboter und Elektronik. Auf einem 2,1 km langen Info-Highway kann der Bauherr - äh, ich meine natürlich: Hauskäufer - kann der Hauskäufer also miterleben, wie sein Haus entsteht.
Dr. Äugler: Ja, der Käufer wird die Entstehung seines Hauses miterleben, sozusagen vom ersten Zeugungsakt bis zur Entbindung. Keimfrei sozusagen, denn der Info-Highway ist verglast!
Dübbel: Wie lange dauert das Verfahren - neun Monate?
Dr. Äugler: Wo denken Sie hin! Wenn Sie konventionell zeugen - äh: ich meine: wenn Sie ein konventionelles Haus bauen, das dauert vielleicht neun Monate. Unser robotergefertigtes Europahaus entsteht in zwei Stunden.
Dübbel: Und die stolzen Eltern - äh, ich meine: die stolzen Hauskäufer können dann ihr Haus direkt mit nach Hause nehmen?
Dr. Äugler: Aber sicher, aber sicher! Es wird transportverpackt - und dann ab damit!
Dübbel: Und zuhause auf dem Bauplatz, da müssen dann die Handwerker ran?
Dr. Äugler (verdutzt seine Äuglein wischend): Handwerker? Ha-Ha-Ha-Handwerker?
Ha-ha-ha-ha! Wer braucht denn noch Bauhandwerker? Wer braucht noch Architekten? Das Haus ist fix und fertig. Inklusive Tapete. Inklusive Badewanne. Inklusive sanitärer Installation. Aufstellen, einziehen, auf's Klo gehen - so einfach ist das!
Dübbel: Nun wird doch Ihr Europahaus hauptsächlich aus vorgefertigen Betonelementen bestehen. Das ist doch ein solides Material. Wie lange geben Sie dann Garantie? 300 Jahre, 400 Jahre?
Dr. Äugler: Sagten Sie da etwa 400 Jahre?
Dübbel: Ja, ich sagte 400 Jahre! 400 Jahre etwa auf den Stuck, wie ihn die Stukkateure in zahllosen Kirchen und Schlössern angebracht haben.
Dr. Äugler: Stuck? Was reden Sie denn da? Da kommt doch kein Stuck Stück rein - äh, ich meine: kein Stück Stuck kommt da rein!
Dübbel: Nun gut, dann geben Sie doch einfach eine 300-Jahre-Garantie auf das komplette Haus!
Dr. Äugler (mit verkniffenen Äuglein): 300 Jahre, 300 Jahre - wer soll das denn schaffen? So etwas gibt's doch nicht!
Dübbel: Na, unsere Vorfahren, die "überflüssigen" Maurer, Zimmerleute, Schlosser, Spengler und Schmiede, die haben es geschafft. Fahren Sie doch mal nach Celle oder Goslar. Fachwerkhaus an Fachwerkhaus. 300 Jahre alt, 350 Jahre alt, 400 Jahre alt...
Dr. Äugler (schnaufend, wischt sich den Schweiß von der Stirn): Wem sagen Sie das, wem sagen Sie das! Kennen Sie vielleicht eine Zimmerei, die einen tüchtigen Finanzfachmann sucht?
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