Kein Tag, an dem nicht irgendwo in Deutschland eine Tagung, ein Seminar oder ein Kongress stattfände! Besonders eifrig tagt das Baugewerbe. Es tagen die Aluminiumfensterprofilhersteller und es tagen die Porenbetonsteinhersteller. Es tagt und tagt – und will nicht helle werden. Unser Autor Wolfram Dübbel nahm am Kongress des Deutschen Wärmedämm-Verbandes DWDV teil.
Nun bin ich Beisitzer
Ich schwöre, liebe Leserin, lieber Leser, ich schwöre bei allem, was mir heilig ist und ansonsten gestohlen bleiben kann: Ich hatte es nicht vor. Niemals wollte ich mit einer Gerichtsvollzieherin anbandeln. Und niemals wollte ich mich in den Beirat des Deutschen Gerichtsvollzieher-Bundes wählen lassen.
Aber die Ereignisse, die sind nun einmal so – und sie sind über mich hereingebrochen durch höhere Gewalt – jawohl!
Wäre der Vortrag von Herrn Prof. Dr. Tranich über "Die Vorzüge der trittschallisolierten Wärmedämm-Manschette im Einlaufstutzen von Dachabläufen" nicht so tranig verlaufen, dann wäre das alles nicht passiert. Aber so hielt es mich nicht mehr auf dem Sitz und ich ging aus dem Saal in das sog. Tagungs-Foyer.
Dort lief schon die Kaffeepause – allerdings nicht für die Wärmedämmer, sondern für die deutschen Gerichtsvollzieher, die im gegenüberliegenden Saal tagten. Nun ist eine Kaffeepause zwischen graugewandeten Gerichtsvollziehern sicherlich nicht sehr erbaulich – aber was sehen meine ermatteten Augen: Ein Weib, sage ich Ihnen, ein Weib von einer Gerichtsvollzieherin, im flotten Hosenanzug, einen knallroten Foulard schwungvoll um den zarten Nacken drapiert. Und aus den Gesprächsfetzen konnte ich folgern, daß dieser Paradiesvogel unter lauter Graupapageien eine Gefahrenzulage für Gerichtsvollzieherinnen forderte, "denn ich bin schon dreimal bei der Pfändung massiv belästigt worden."
Bimm-Bimm machte die Saalglocke und die Gerichtsvollzieher strömten in den Saal zurück. Und ich strömte mit, nicht ohne mir aus dem Körbchen an der Saaltür klammheimlich die Namensplakette eines offenbar nicht erschienenen Gerichtsvollziehers gefischt und an mein Sakko gesteckt zu haben. Nun war ich nicht mehr Wolfram Dübbel, sondern der Gerichtsvollzieher Herbert Fischer, der sich – furchtlos wie Gerichtsvollzieher nun einmal sind – direkt neben dieser Göttin von einer Gerichtsvollzieherin placierte. Leider würdigte mich diese keines Blicks.Noch nicht!
Hatte die Wärmedämmrede von Prof. Tranich schon eine einschläfernde Wirkung, so war die nun einsetzende Rede eines Landesministers der reinste Äther. Ritt mich der Teufel? Wurde ich Opfer einer partiellen Gemütsverwirrung? Jedenfalls sprang ich plötzlich auf und rief in den Saal: "Schluß mit dem Gerede! Wir wollen hier und jetzt mit Ihnen über eine Gefahrenzulage für Gerichtsvollzieher und nicht zuletzt Gerichtsvollzieherinnen reden!"
Lähmende Stille im Saal, der Herr Vorsitzende am Präsidiumstisch klopfte verwirrt an das Mikrofon. Und schon rief ich wieder etwas in den Saal. Was es war, weiß ich nicht mehr. Aber es muß irgendwie etwas gewesen sein wie "Wir sind die Schlußlichter der Justiz, die Fußabtreter, die die Drecksarbeit machen müssen – und was ist der Dank?"
Was nun geschah, ist unbeschreiblich. Ein Tumult hob an, wie man ihn deutschen Beamten niemals zutrauen würde. "Recht hat er!", tönte es von allen Seiten und dann bildete sich ein Sprechchor: "In-den-Vor-stand, in-den-Vor-stand, in-den-Vor-stand..." Um es kurz zu machen:
Bei den anschließenden Vorstandswahlen wurde ich einstimmig in den Beirat gewählt. In einer kurzen Dankesrede versprach ich "meinen" lieben Kolleginnen und Kollegen, mich insbesondere dafür einzusetzen, daß ihre Arbeitsräume eine bessere Wärmedämmung erhielten. Und in der nächsten Kaffeepause gratulierte mir die Göttin von einer Gerichtsvollzieherin stürmisch und sprach die bedeutungsschweren Worte: "Ich könnte Sie umarmen, Herr Kollege."
Anderntags wachte ich erst gegen 10.00 Uhr auf – untypisch für einen deutschen Gerichtsvollzieher. Und untypisch für eine Gerichtsvollzieherin. Sie hieß Karen (mit "e") und lag neben mir.
Derzeit muß ich häufig dienstlich nach Waiblingen. Dort wohnt Karen. Meine Ehefrau ist mißtrauisch geworden und fragt, was es denn da eigentlich soviel in Waiblingen zu dämmen gebe. Wenn die wüßte! Und wenn Karen alles wüßte! Die würde mir glatt einen Kuckuck kleben.
Fragen Sie nicht wohin!
Wir werden Herrn Dübbel für die nächsten Monate nicht mehr auf Kongresse schicken, auch wenn er beteuert, seiner leidgeprüften Gattin und diesem "Vollweib von einer Gerichtsvollzieherin" alles gebeichtet zu haben. Im übrigen unterstützt die Redaktion natürlich die Forderung unseres Autors nach einer besseren Wärmedämmung der Bausubstanz deutscher Amtsgerichte und empfiehlt insbesondere ein nachträglich auf die Fassaden anzubringendes Wärmedämm-Verbundsystem. |