Unser Autor beschäftigt sich mit der Errichtung eines sog. Baumhauses für seine
leiblichen und unleiblichen Enkelkinder. Die Redaktion kann ob der verwickelten
familiären Verhältnisse ihres Autors nur den Kopf schütteln.
Opa Wolfram und das Baumhaus
Ich befinde mich in dem erfreulichen Alter von "fast 60", bin also das, was man marketingmäßig als "Jungsenior" bezeichnet. Nicht-marketingmäßig bin ich für meine drei Enkel zwischen 2 und 5 Jahren der Opa, manchmal sogar der "liebe Opa", wenn die
Enkelin Henriette und Enkel Jens und Martin Lust auf ein Eis verspüren.
Gegen so ein Jungsenioren-Opa-Dasein wäre nichts einzuwenden, wenn nicht auf einmal eine wundersame Enkelvermehrung stattgefunden hätte. Statt dreier habe ich auf einmal s i e b e n Enkelkinder und diese sieben Kinderchen haben beschlossen, daß in meinen schönen alten Nußbaum ein Baumhaus errichtet werden muss.
Aber alles der Reihe nach: Meine Söhne Gerhard und Rainer haben je einen Sohn, meine Tochter Marion eine Tochter. Wie es heute zum guten Ton gehört, leben alle drei in einer "neuen Beziehung". Diese neuen Partnerinnen bzw. Partner haben nun ihrerseits
vier Kinder mit in die eheähnlichen Wohngemeinschaften eingebracht. Ich habe also drei leibliche Enkelkinder und vier "unleibliche". Letztere nennen mich der Unterscheidbarkeit mit den zwei anderen leiblichen Opas wegen ganz pragmatisch "Opa Wolfram".
Opa Wolframs großer Garten ist den sieben Kinderchen zu langweilig. Tochter Marion
machte sich zur Sprecherin: "Warum baust Du Deinen Enkeln nicht ein Baumhaus?"
Meine harmlose Bemerkung, bei drei echten und vier unechten Enkelkindern müßte ich eigentlich statt eines Baumhauses einen Baum-Kinderhort errichten, vielleicht sogar noch ein Vorrats-Eigenheim für den Fall, daß bei weiteren wechselnden
Partnerschaften oder ungebremster Zeugungslust auf einmal 20 oder 30 Enkelkinder in meinem Garten herumtoben sollten. Diese Bemerkung löste erbitterte Klagerufe aus und selbst meine Frau, die stolz auf ihr jugendliche Optik ist und beim Ruf "Oma" jedesmal zur Salzsäure erstarrt, herrschte mich an:
"Nun bau' doch das Ding, Du Drückeberger!"
Für die nächsten drei Wochen bin ich nicht zu sprechen. Ich muß ein Baumhaus bauen.
Ich habe mich für ein Baum-Reihenhaus entschieden und werde im Bedarfsfall einfach eine Einheit anbauen, falls weitere Enkelkinder aufmarschieren. Mein Enkel Tommy hat schon den Wunsch geäußert, auf eine Treppe respektive Leiter zu verzichten. Der Zugang zum Baumhaus dürfe nur über ein Tau erfolgen, "da kommen die Mädchen nämlich nicht hoch!"
Ich werde aber eine Treppe anlegen. Die Kinderchen werden ja schließlich einmal groß.
Und ich habe dann ein Ausweichquartier, falls meine Gattin mich noch einmal als
"Drückeberger" bezeichnen sollte.
Wolfram Dübbel |