So gut die altbewährte Luftkalktechnik auch für den Alt- undNeubau geeignet sein mag - planungs- und
ausführungsbedingte Verstöße gegen die Handwerksregeln lassen sie immer wieder mal grausamst scheitern.
Nun waren früher
nahezu alle Massivbauten - unsere Baudenkmale beweisen es, mit Kalktechnik dauerstabil und "nachhaltigst" erbaut. Das war so
Handwerksbrauch - dank Handwerksehre und Handwerksfleiß. Und heute? Selbst den renommiertesten Restaurierungsfirmen gelingt die auf Anhieb
mängelfreie Kalkleistung so gut wie nie.
Der Vorteil der modernen Hydraul- und Kunstharzbaustoffe besteht ja nur für den
Verarbeiter: Sie verkraften eher den verborgenen Pfusch mit Mängelfolgen, die erst nach der Gewährleistungszeit so richtig sichtbar werden.
Und dann immer die Originalsubstanz schädigen. Im Gegensatz zum opferwilligen Kalk, der schnell zeigt, was Fehler ist und im Schadensfall
zwar versagt, jedoch ohne zerstörerische Folgen für den Originalbestand.
Der übliche Handwerksmist wächst oft auf bester
Herstellerberatung und umfangreichster technischer Begleitinformation. Falsch eingesetzte oder gar falsch nachrezeptierte Eigen- oder
Fremdmischungen sind geradezu Standard am Bau. Deshalb muß die Planung und Bauleitung den auch bei Fachbetrieben immer drohenden
Handwerksfehlern durch Detail, VOB-sichere
Leistungsbeschreibung und Vergabe sowie
ergebnisbewußte Objektüberwachung gegensteuern. Es geht also um ein Bauteam, in denen die Planung, Herstellung und Ausführung ihre
fachbezogenen Kompetenzen, Kontroll- und Qualitätssicherungssysteme - sicherheitshalber vertragsgestützt - voll einbringen müssen. Das
gilt besonders für das Handwerk, in dem eben sündige Menschen und nicht seelenlose Maschinen die Leistung erbringen.
Die folgenden
Hinweise nennen typische Fehler. Sie können dem interessierten Bauherrn, Handwerker, Planer und Bauleiter als Leitfaden zur
Schadensvermeidung bei der Kalktechnik dienen:
A) Verarbeitungsbedingte Fehler bei der Kalttechnik
1. Falsche Rezeptur Es ist kaum zu fassen, welche entscheidende Rolle das Baustoffrezept spielt - gerade in der Kalktechnik. Kunstharze,
Öle, Hydraulen, Mineralzuschläge vom Quarz- über Sandsteinbrechsand bis zu Marmormehl und Mikrosilika, vergütende Zusätze verschiedenster
Herkunft werden im besten Glauben zusammengemischt, meist nahezu undeklariert und in der stillen Hoffnung, daß es diesmal klappen wird. So
entstehen Luftkalkmörtel, Luftkalkputze, Kalkschlämmen, Kalkestriche, Verlegemörtel, Kalktünchen, Kalksinterwasser, Kalkmilch, Kalkspachtel
und Kalkkitte für innen und außen, für Mauerwerksinjektion, Vermauerung, Injektion hohlliegender Beschichtungen, Fehlstellenergänzung im
Natursteinbereich, Fugmörtel, Bodenbelagsarbeiten, Flächenfestigung auf absandelnden Untergründen und Anstricharbeiten mit komplexen technischen
Randbedingungen in buntester Materialvielfalt.
Allerdings, die Erfahrung lehrt: Auch im handwerks- oder laborgerechtesten Rezept des
ausgewiesensten Genies kann es Probleme geben. Wasseranspruch, Schwinden, Aufbrennen, Abmehlen und -pudern, Abbindestörung, Ausblühen,
Abfrieren usw. sind die Merkmale nicht nur für mangelhafte Verarbeitung sondern vielleicht auch für falsche Rezeptur. Das
Bindemittel-Zuschlag-Verhältnis, die Sieblinie, die vergütenden Zusätze - alles kann ja daneben gehen. Und Nobody is perfect. Nicht gerade
selten geht die Chose daneben. Das kann überraschen.
Man muß also sehr genaues Erfahrungswissen im Planungs-, Handwerks- und
Produzentenbereich zusammenführen, um für die unterschiedlichsten Fälle jeweils das geeignetste Produktrezept aus der ganzen Palette der
Möglichkeiten auszusieben. Ohne ausreichend praxisnahe Betestung inkl. echten Wasser- und Frostangriff geht es trotz hoffnungsfroher Ansagen
der Beteiligten besonders gerne daneben, gerade bei objektspezifischen Lösungen.
Man sollte schon wissen, welche Folgen für die
Termin- und Kostenplanung, die Ausführung und Dauerstabilität sich aus den unterschiedlichsten Produktrezepturen und ihren jeweiligen
Besonderheiten bis zum Aufzäumen der Bemusterung vor Ort abzuleiten sind. Dann kann es trotz aller menschlichen und technischen Hindernisse
klappen, die gegenüber anderen Materialkonzepten beste Ausführungsvariante zu verwirklichen. Eben das (Kalk-) Wunder
am Bau.
2. Schlechte Untergrundvorbereitung Trennschichten am Untergrund wie Altputzreste, Staub,
Verschmutzung, Moos-, Algen- oder Wurzelbewuchs stören die Mörtel- und anstrichhaftung. Werden sie nicht sorgfältig entfernt, sind
Ablösungen und mangelhafter Flächenverbund des Neumaterials die Folge. Auf Natursteinuntergründen muß eine Haftbrücke, am besten aus
Staubkalkschlämme mit verstärkter Kornbindung, aufgebracht werden, um den dauerhaften Flächenverbund von Neubeschichtungen
sicherzustellen.
Unterschiedlich und schlecht saugender Untergrund und Altoberflächen stören das gleichmäßige und durchgreifende
Abbinden der neuen Schicht. Aufbrennen mit schlechter Putzhaftung, ungenügende Kornverankerung am Untergrund, Abbindestörungen und Risse sind
die Folge. In der Frischschichtphase und danach muß der Untergrund ausreichend feucht gehalten werden: durch ausgiebiges Vornässen schon am
Tage vor dem Kalkauftrag, dann vor dem Beschichtungsbeginn und gegebenenfalls (warme Witterung, eingeschränkte Saugfähigkeit des Untergrunds)
durch Nachbefeuchtung, um das Abbinden nicht vorzeitig zu unterbrechen. Besonders bei stark saugenden Untergründen wie Tuff, Kalksandstein oder
niedrig gebranntem Ziegel ist die Aufbrenngefahr besonders hoch. Hier muß besonders gut vorgenässt und eine dünne Spritzbewurflage als
Haftgrund für die folgenden Putzlagen aufgebracht werden. Ist es schon zu Ablösungen der mißlungenen Putzschicht gekommen, kann mit injiziertem
Luftkalkmörtel eine Anbindung erreicht werden.
Wenn Vertiefungen im Untergrund nicht zuerst ausgemörtelt, sondern mit der ersten
Lage zugemörtelt werden, entstehen besonders starke Schichtlagen. Sie trocknen nur langsam aus, bilden durch alle Folgeputzlagen gehende
Schwundrisse und sind stark frostgefährdet.
3. Zu starker Mörtelauftrag und Bindemittelschwächung durch zu hohe
Pigmentzugabe Kalkmörtel sind Dünnschichtsysteme. Es gilt grundsätzlich die Dreikornregel. Je Lage darf in Abhängigkeit des Rezepts
die maximal drei- bis (bei gröberen Fraktionen) allerhöchstens sechsfache Korngröße bei max. 2,5 cm Schichtdicke als Putzstärke aufgetragen
werden. Die typische Katastrophe unerfahrener Verarbeiter: Mehrmillimetrige Spachtellagen aus Mehlkorn-Mörteln (0-0,1 mm). Das schrumpft,
reißt (innen und außen) und löst sich vor allem außen baldigst ab. Feinkornmassen, egal ob bindemittelreich oder -arm, binden obendrein
erhebliche Wassermengen, die bei entsprechender Lagenstärke nicht vor Frostangriff abtrocknen, bei Vereisung im Spachtel keine Ausdehnräume
besitzen und somit den Totalschaden schon nach der ersten Befrostung garantieren. Der Gipfel: Überpigmentierte Finish-Spachtelschwarten ohne
ausreichende Verbundwirkung. Merke: Pigmentzugabe allerhöchstens 5 %, mehr nur bei fachgerechter Zugabe kalkverträglicher Zusatzbindemittel
wie vollaufgeschlossenes (besiedelungsfeindliches) Kasein oder hochtourig dispergierter Kalk mit erhöhter Bindekraft.
Zu dicke
Auftragsstärken vergrößern den Abstand der Mörteloberfläche zum Untergrund. Die beim Austrocknen und Abbinden des Frischmörtels von außen nach
innen sich aufbauende Spannungen werden dann von der "dicken Schwarte" nicht zuverlässig aufgenommen. Risse und Hohllagen sind die Folge.
In stark beregneter witterungsexponierter Lage wandern das nicht carbonatisierte Calciumhydroxid und bei schwefelsaurem Regen das zu
wasserlöslichem Calciumsulfat/Gips umgewandelte Calciumcarbonat im Untergrund an die Oberfläche und bilden dort feuchterückhaltende Krusten.
Der Untergrund wird dadurch bindemittelarm und verliert seine Festigkeit. Im Ergebnis sitzt eine harte Kruste auf einem entfestigten Grund,
die Kruste löst sich ab. Trocknungsblockierende Anstriche wie Dispersionen und Wasserglasanstriche dramatisieren diesen natürlichen
"Alterungseffekt".
Wenn dicke Mörtellagen nicht rechtzeitig vor dem Winter bzw. Bewitterung austrocknen und ausreichende Frühfestigkeit
erreichen, frieren sie auf und schwemmen ungebundenes Bindemittel aus. Der Schutz der Leistung vor vorzeitiger Bewitterung und Frostangriff bis
zur Abnahme ist Sache des Auftragnehmers.
4. Mangelhaftes Aufrauhen der Frischmörtel-Oberfläche Wurde der beim
Auftragen oberflächlich verdichtete Frischmörtel nicht genug aufgerauht, entstehen eine geringere Gesamtoberfläche und eine sperrende Sinterhaut
aus Kalkkristallen. Dies verringert die Carbonatisierungsgeschwindigkeit infolge CO2-Zutritt aus der Luft. Der Mörtel trocknet und erhärtet
langsamer. Die trocknungsbedingte Versinterung der Oberfläche reichert dort Bindemittel an, verschärft bei mit zu viel Wasser plastifiziertem
Mörtel der Deckschicht. Der ungleichmäßige Festigkeitsaufbau im Mörtelquerschnitt führt dann zu Rissen. Die gebremste Trocknung erhöht die
Frostgefahr. Klassischer Fehler beim Verstrich von Fugmörtel mit dem Fugeisen im nassen Zustand: Anreicherung von Feuchtigkeit, Feinkorn und
Bindemittel an der Oberfläche. Das führt zu Frostschäden und vermindert dort die Abbindung des Mörtels wegen zu hoher Verdichtung und
Trocknungsblockade der Oberfläche. Ausbluten der unzureichend erhärteten Bindemittel und gestörte Untergrundanhaftung wg. Aufbrennen der
hinteren Zone kann obendrein die Folge sein. Abhilfe: Lagenweise korrekter Schichtaufbau mit ausreichender Feuchteversorgung, Abkehren der
überfeinen Oberfläche noch in der Frischmörtelphase mit einem Besen, Nachbefeuchtung bis zur Abbindung.
5. Kalkmörtel
ohne Witterungsschutz durch bindemittelreichen Anstrich Die kapillaraktiven Luftkalkmörtel können Feuchte schnell aufsaugen, aber auch
um den Faktor 10 schneller als Zementmörtel über die ganze Oberfläche wieder abgeben. Ungestrichene oder nur pigmentierte Kalkputze sind in hohem
Maße frostgefährdet, vor allem bei hohen Schichtstärken. Stark bewitterte Putzflächen, insbesondere bei großen Gebäudehöhen, müssen deswegen mit
einem Kalkanstrich geschützt werden.
Ein kalkverträglicher Anstrich (freskale Kalktünche, Kalk-Kasein-Anstrich) vermindert das Porenvolumen
des Mörtels in seiner direkt bewitterten Zone. Die sich daraus im Mörtel ergebende Porengeometrie bremst eindringendes Wasser ab, sorgt aber
gleichzeitig für verstärkte Kapillarentfeuchtung von innen heraus. Die kapillare Feuchtewanderung funktioniert nämlich nur von Grob- in Feinporen,
nicht umgekehrt.
Beregnung füllt deshalb vorwiegend die Anstrichzone - abgesehen vom kapillaren Feuchteeintrag in durchgehende Rißbereiche.
Die vollgesaugte kleinporige Anstrichzone dichtet tieferliegende grobporige Putzschichten ab. Überschüssiges Regenwasser dringt dann nicht mehr
ein, sondern läuft an der Fassade nach unten. Der über die Risse tiefer eingedrungene Regen wandert im Kapillarsystem beschleunigt an die
Oberfläche. Ist sie wie bei Kalktünche nicht kapillarsperrend versiegelt, trocknet die Feuchte schnell ab.
6.
Falscher Farbanstrich Nicht alle Anstrichsysteme sind für Kalkputzuntergründe geeignet - trotz gegenteiliger Herstellerangaben. Die
erforderliche Druckfestigkeiten des Malgrunds, durch das Farbsystem erzeugter Salzeintrag in den Malgrund und seine Folgen für die
Putzstabilität setzen hier enge Grenzen. Eine Volldeklaration der Farbinhaltsstoffe und die Angabe dauerhaft bewährter Referenzflächen sind ein
Muß am Baudenkmal. Falsche Baustoffanwendung kann die beste Handwerksarbeit zunichte machen! Auf Kalkmörtel ungeeignete Anstrichsysteme
verursachen oberflächennah zu hohe erhärtungsbedingte und schadsalzreiche dichte feste Mörtelbereiche, die sich dann über kurz oder lang abschälen.
Moderne Anstrichsysteme auf Silikat- und Kunstharzbasis sind oft wasserabweisend (hydrophob). Diese behindern nicht nur bis zu ihrer
unausweichlichen Versprödung die direkte Wasseraufnahme, sondern auch die Kapillarentfeuchtung von innen her. Schadsalz und Feuchte, in Altfassaden
immer vorhanden, wandern ebenso wie gelöstes Calciumhydroxid und in Gips umgewandelter Kalkstein kapillar zur Oberfläche. Wassersperrende
Malschichten behindern den Abtransport der Schadstoffe und die Trocknung [2].
Dampfdurchlässige Beschichtungen lassen täglich Kondensat
eindiffundieren, die unvermeidlichen Rißsysteme nehmen auch Regenwasser kapillar auf.
Falsche, das heißt kapillar sperrende Anstrichsysteme
blockieren die Trocknung und damit die innere Carbonatisierung des Kalkputzes über seine gesamte Lebensdauer. Er wird nicht mehr ausreichend
stabil und klingt hohl bzw. dumpf. Endergebnis: abschollende Farb- und Mörtelschichten, Frostzerstörung und Aufmehlen des tieferliegenden Mörtels.
Da mit zunehmender Carbonatisierung auch die Trocknungsgeschwindigkeit zunimmt, erhöhen blockierende Anstriche auch die Frostgefährung des
Kalkmörtels.
Anstriche auf Kalkmörtel dürfen deren Oberfläche also nicht übermäßig verfestigen oder deren Kapillartrocknung nach innen
abdichten bzw. blockieren. Die Wasserabgabe aus dem Mörtelsystem an die Umgebungsluft muß ebenso gewährleistet sein wie die Möglichkeit der
nötigen CO2-Aufnahme zur Carbonatisierung.
Für Kalkmörtel sind nur stofflich ähnliche Systeme wie Kalk- oder Kalk-Kasein-Anstriche
geeignet. Sie erfüllen bei geeigneter Rezeptur und Verarbeitung alle Anforderungen. Ein gegenüber anderen Anstrichsystemen erhöhter Abbau von
Kalktünchen durch Umwelteinwirkungen ist nicht zu erwarten. Im Gegenteil: bei Bindemittelverlust oder Rissen heilt sich die Kalkoberfläche
durch die Nachversorgung mit löslichem Calciumhydroxid aus dem noch nicht durchcarbonatisierten Luftkalkmörtel selbst. Die Fähigkeit zur
Selbstheilung kann abhängig vom Carbonatisierungsfortschritt über viele Jahre zur Verfügung stehen.
Allerdings ist wie bei jedem Anstrich
auch bei der Kalktünche oder -schlämme die handwerklich korrekte Verarbeitung Grundlage des Erfolgs. Gängige Fehler sind
- ungenügende baustellenseitige Verdünnung (beachte Austrocknung durch Wasserverlust aus Gebinde) und demzufolge ungleichmäßiger und teils
zu dicker Schichtauftrag. Es gilt hier ebenfalls die Dreikornregel - bei Größtkorn 0,3 mm also max. Schichtstärke 0,9 mm (Schlämme), bei 0,015
mm max. 0,045 mm (Tünche);
- zu hohe Schichtstärke, die zu Abplatzungen, Rissen und Abbindestörungen der Anstrichschicht führt;
- überhöhte Anreicherung von Anstrichschichtstärke in Tieflagen, Abplatzungen und Anstrichrisse sind die Folge;
- unzureichende Vorbefeuchtung des Untergrunds und Nachbefeuchtung des frischen Anstrichs bis zur Carbonatisierung und Untergrundabbindung.
Dann brennt der Anstrich auf und mehlt ab bzw. bildet bindungsstörende Mehlschichten für die Folgeanstriche. Ein heißer Sommerluftzug kann das
bewirken! Verschärfte Problemlage bei zu hoher Schichtstärke mit entsprechend erhöhtem Feuchtigkeitsanspruch und großer Schwundgefahr.
- zu hohe baustellenseitige Pigmentzugabe, so daß die Bindefähigkeit des Kalkes überbeansprucht wird und der Fertiganstrich übermäßig kreidet
bzw. mehlt;
- geradezu Standard, um Handwerkerschweiß und Muskelkraft maximal zu sparen: ungenügende Aufmischung der Farbe während der Verarbeitung, so daß
schwerere Bestandteile auf den Eimerboden absinken und die oben entnommene dünne Schlabberbrühe zwar wunderschön schwungvoll und spritzig
aufzutragen ist, aber keine ausreichende Kornanbindung und Untergrundhaftung erhält und schnell abmehlt.
7.
Witterungsbedingte/jahreszeitbedingt verzögerte Abbindung Der beste Zeitraum für die Herstellung von Kalkmörtel im Außenbereich sind
die frostfreien Monate (Ende April – Mitte Oktober). Kalkmörtel erhärten durch Aufnahme von CO2 aus der Luft. Vorher muß die entsprechende
Menge an Wasser aus dem Putz abtrocknen.
Neben der langsam fortschreitenden Carbonatisierung setzt die Frühfestigkeit aber auch durch die
Trocknung selbst ein. Ein richtig rezeptierter Luftkalkmörtel erreichen deshalb ausreichende Stabilitität und Frostsicherheit, auch wenn er noch
lange nicht durchcarbonatisiert ist. Voraussetzung für beide Festigungsprozesse ist immer die Trocknung.
Hohe Luftfeuchte (Herbst)
schränkt die Wasserabgabe, den davon abhängigen CO2-Zutritt und die Putzerhärtung ein. Frischer Luftkalkputz sollte weitgehend im Jahr des
Mörtelauftrages durchtrocknen. Terminverzögerungen gefährden diese kalktypische Anforderung.
Falscher Bauablauf verzögert bzw. unterbricht
die Mörtelhärtung. Ungenügend abgebundene Flächen sind dann im Folgewinter besonders frostempfindlich und können schichtenweise abfrieren. Zu dicke,
von außen oder vom Putzgrund her wasser- bzw. salzbelastetete bzw. hinterläufige Putzlagen und ungenügende Trocknungszeiten der einzelnen
Putzlagen steigern diesen Risikobereich.
B) Objektbedingte Fehler bei der Kalktechnik
1. Verwendung auf stark
salz- und feuchtebelasteten Untergründen Auf stark salz- und feuchtebelasteten Untergründen wie Sockelzonen im Spritzwasserbereich oder
kondensatüberfrachtete Keller- und Erdgeschoßwände können Kalkmörtel bestandsschonend als Opferschicht eingesetzt werden. Eine Vermehrung der
bauschädlichen Salze und Treibmineralbildung durch Reaktion der am Altbau immer vorhandenen Sulfatbelastung (Gips aus ursprünglicher Zugabe oder
bewitterungsbedingter Kalkreaktion) mit C3A-Bestandteilen des zugeführten hydraulischen Bindemittels ist nur bei reinen Luftkalkmörteln
ausgeschlossen. Ihrer starke Kapillarität saugt Feuchte und untergrundbedingte Salzbelastungen unbehindert auf.
Salz aus dem Untergrund
kann durch den Frischmörtel hindurch auf der Oberfläche ausblühen und abgekehrt werden. In
mit Hüllflächentemperierung klimastabilisierten
Innenräumen ist dieser Vorgang auf die Frischmörtelphase beschränkt und nach dem Abtrocknen des Putzes abgeschlossen. Im Außenbereich kann
sich das wiederholen, vor allem auch an streusalzgefährdeten Sockelputzen. Dann muß allerdings damit gerechnet werden, daß die Versalzung sich
in den oberflächennahen Zonen anreichert und dort als abdichtende Trocknungsblockade wirkt. In solchen Fällen ist die Opferputzmethode
angebracht.
Trocknen durchnässte bzw. frisch aufgebrachte Kalkmörtel vor der Frostperiode nicht rechtzeitig aus, friert ungenügend
abgebundener und schlecht verarbeiteter Putz schollenartig ab. (Gottseidank schon nach der nächsten Frostperiode. Derartige Mängel werden also
immer in der Gewährleistungsfrist sichtbar. Das erklärt den Widerstand von Pfuschbetrieben gegen die Kalkmörteltechnik.)
Wichtig ist
deshalb ein kapillaroffenes Anstrichsystem, das der Salzbewegung möglichst wenig Widerstand entgegensetzt und deshalb bestandsschonender als
schichtbildende Sperranstriche sein wird. Die Dampfdiffusion spielt bei diesen kapillarwirksamen Vorgängen keine Rolle. Dampfdiffusion :
Kapillarwanderung = 1 : 1000!
Was freilich nicht geht: Flächiger Mörtelauftrag, vielleicht gar auf 0 ausgezogen, auf bewitterten
wasserrückhaltenden Horizontalflächen. Das friert auf.
2. Falsche Sockelausbildung Kalkmörtel im
Sockelbereich werden besonders feuchtebeansprucht. Die Carbonatisierung läuft deshalb dort wesentlich langsamer ab. Feuchtigkeit kann
am Sockel über drei Seiten in den Mörtel eindringen:
- Aus dem Untergrund geschädigter Mauerwerksbereiche, meist mit Salzfrachten,
- über den Putzquerschnitt als aufsteigende Feuchte,
- über die Putzoberfläche durch Spritzwasser, Schnee, tägliche Kondensation am kühlsten Bauteil, Hygroskopizität (salzbedingt erhöhte
Feuchteaufnahme aus der Luft) durch Streusalz- und Nitrateintrag usw.
Für Kalkmörtel im Sockelbereich
gilt:
1. Putzfläche nicht ins Erdreich führen, Abschluß oberhalb Gelände durch Anputzen an Holzlatte oder nachträgliches Abschneiden.
Zusätzlich Putzquerschnitt vor Wasseraufnahme schützen (Anstrich).
2. Sockelputz gegen Spritz- und Tauwasser durch geeigneten
Anstrich schützen.
3. Versalzte Fugmörtel entfernen.
4. keine feuchteblockierenden Sperrschichten, die den Anstieg des
Feuchtehorizonts fördern.
5. Untergrund ausreichen vornässen, etwa 8 Tage austrocknen lassen, ausblühende leicht lösliche Salze abkehren
und beseitigen. Auf gereinigtem Putzgrund mit essigsaurer Tonerdelösung vornetzen, um die Putzhaftung zu verbessern und die Salzeinwanderung
in den Frischmörtel verringern.
6. Bei erheblicher Belastung ist der Kalkmörtel am Sockel in seiner Opferputzfunktion anwendbar und
entsprechend seiner fortschreitenden Salzaufnahme auszutauschen. Oft genügt schon das Abkehren der durch den Frischmörtel gewanderten
ausgeblühten leicht löslichen Salze.
7. Hat die Festigkeit des Sockelputzes gegenüber der Entsalzung und Entfeuchtung des Untergrunds
Vorrang, kommen oft Sanierputzsysteme (hochhydraulische Bindemittel, Porenbildner, Wasserabweisung, Kapillarsperre) zum Einsatz. Auch dabei
sind viele Ausführungsregeln zu beachten. Probleme: fehlgeschlagene Porenbildung, Überfestigkeit, auf wasserabweisendem Malgrund sind nur
kunstharzhaltige Anstriche möglich, zwischen sulfathaltigem Putzgrund und Hydraulbindemittel entstehen Treibminerale.
3.
Ungeschützte Ausführung von waagerechten Putzflächen Abgeschrägte oder waagerechte Putzflächen im Bereich von Strebe-/Stützpfeilern,
Gesimsen, Geländern, Balustraden, vorspringender Bauzier usw. nehmen sehr viel Regen- und Tauwasser auf. Diese Zonen bleiben lange feucht.
Folge: Nässestau, Frostgefahr.
Im Anschlußbereich waagerechter zu senkrechter Mörtelflächen drohen konstruktive Risse. Hier dringt
auch bei ordnungsgemäßen Anstrichsystemen Wasser ins Bauteilinnere ein.
Deshalb schützen Blech-/Natursteinabdeckungen diese Bereiche
besser vor Durchfeuchtung.
4. Konstruktiv bedingtes Hinterlaufen der Putzschicht mit Wasser In die
Putzschicht kann Wasser auch über angrenzende Bauteilflächen eindringen:
- oberseitige, wasserdurchlässige Abdeckung, durch die Feuchte in den Putzquerschnitt gelangt (Mauerkrone/Natursteinabdeckungen usw.),
- stark saugende Natursteine und Mörtelfugen, die Putzflächen seitlich begrenzen (Naturstein-Eckquaderungen).
Trotz
Oberflächenschutz gelangen auf diesem Wege erhebliche Wassermengen in den Kalkmörtel. Die Trennung der kapillaren Transportwege, auskragende
Blechabdeckung und zusätzliche kapillaroffene Anstrichschichten können erhöhte Wasserbelastung verringern. Schutzmaßnahmen sind bei
erhöhter Gefährdung objektgerecht vorzusehen.
Bei mechanisch beanspruchten Setz- und Lagerfugen (z.B. bewitterte Baluster, Säulen,
Streben, Zierteile, Baufugen aller Art), die erheblichen bauwerks- bzw. witterungsbedingten Lasten ausgesetzt sind, kommt es zwangsläufig
zur Fugenklaffung. Hier können Verstemmungen aus Bleiwolle die richtige Lösung sein.
Im Bereich von Anschlußfugen Fachwerkgefach-Holz
ist ein abrißverhindernder Kellenschnitt nach wie vor die Vorzugsvariante. Hier kommt zwar Kapillarwasser rein - aber auch wieder raus.
Wichtig: Keine feuchtigkeitssperrenden Gefachanstriche. Sonst läuft vermehrt Wasser in die unterste Gefachfuge und wird nicht ausreichend in
der Fläche abgepuffert.
Schlußbemerkung Dauerhafte Fassaden aus Kalkmörtel setzen Materialkenntnis und
Handwerkskunst voraus. Doch das gilt für alle Fassadenbaustoffe. Zumindest für den historischen Bestand bieten handwerklich rezeptierte
Kalkmörtel ohne Synthetik und ungeeignete Hydraulverschnitte (Traß, Hydraulkalk, Zement, Hüttensand, amorphe Kieselsäure/Mikrosilica) die
überlegene Technik: Sie sind dauerhaft bestandsverträglich - selbst im Versagensfall. Bindemittelbedingte Salzverseuchung,
Treibmineralbildung, Überhärtung und Überdichtung der Fassadenkonstruktion ist bei reinen Luftkalkmörteln dauerhaft ausgeschlossen.
Ihre Beständigkeit ist durch einen kalkverträglichen Anstrich unter Beachtung der o.g. Randbedingungen und Handwerksregeln auch dauerhaft
zu gewährleisten.
Wenn ein Auftragnehmer also Bedenken gegen luftkalkgebundenen Kalkmörtel an der Fassade äußert, ist eines gewiß:
Handwerkliche Qualität am Altbau, und das setzt neben Erfahrung eben auch Materialverständnis und sorgfältiges Arbeiten voraus, ist nicht
unbedingt seine Sache. Mit welchem Baustoff auch immer.
Und was aus vielen gegebenen Anlässen - und das selbst bei hochwertigsten
Objekten - noch anzumerken ist (Bauherrn und Planer aufgepaßt): Selbst die renommiertesten Firmen können qualitativ hochwertige Kalkprodukte
der Planung gegen minderwertigste Eigenmischung des eigenen Gepansches ersetzen oder Originalprodukte aus primitiver Geldgier und/oder
handwerklichem Unverstand strecken. Weil sie eben nix vom Baustoff verstehen. Gegenwehr: 1. Materialkontrolle durch striktestes Regime
der Baustellenbelieferung (dann tauschen sie notfalls daheim unter dem Kopfkissen das Material aus und benutzen gefälschte Gebinde, deswegen):
2. Nur original versiegelte Originalgebinde zur Belieferung zulassen. 3. Rückstellproben der verarbeiteten Produkte an Baustelle unangemeldet
entnehmen und von Materialprüfanstalt auf Übereinstimmung mit angebotenem Baustoff prüfen lassen. 4. Und die Bestellvorgänge durch Rückfrage
beim Lieferanten bestätigen lassen. Der ultimative Tipp: Schlußabnahme von Kalktechnik erst nach Überwinterung und ausreichender Bewitterung.
Der Kalk verzeiht keine
Falschbearbeitung und zeigt alle Handwerksfehler sicher in der Gewährleistungszeit. Das ist ein großer Vorteil für den Auftraggeber. |