Unser Autor hat, wie es die Leser dieser Satire-Reihe gemerkt haben dürften, ein etwas gespanntes Verhältnis zu seinem Schwiegersohn. Selbst Weihnachten 2005 kam es zu keiner Versöhnung, weil er ein Porträtfoto seines Schwiegersohnes an die Medizinische Fakultät der Uni Bonn geschickt hatte als Beispiel für ein absonderliches Arschloch. Angeblich hätten sich die angehenden Fachärzte für Erkrankungen des Enddarms für das Foto bedankt.
Wenn der Schal aus der Gardinenschiene fälltMeinem Schwiegersohn Friedhelm war der Auftrag zugefallen, zwei alte Schals aus der Gardinenstange zu ziehen und zwei neue Schals einzuhängen. Natürlich hätte meine geliebte Tochter diese geradezu lächerlich einfache Arbeit auch selbst erledigen können, sie besteigt aber ungern Leitern, weil ihr schwindelig wird.
Die beiden Schals hatte meine Tochter im Versandhandel bestellt, schöne, leichte, transparente Schals in karmesinrot, die die große Fensteranlage zum Garten umkränzen sollten. Sollten!
Mein Schwiegersohn bestieg die Leiter, äußerte selbstgefällig "Ja, ja, wenn ihr mich nicht hättet!", zog die alten Schals raus, schob die neuen rein in die Gardinenschiene und wollte zum Abschluß die Klemme in die Schiene stecken, damit die Gardinenröllchen und damit die Schals nicht aus der Schiene fallen.
Die Klemme war weg! Weg! Einfach weg und nicht mehr auffindbar. Und der rechte Schal rutschte jedes Mal, wenn man nur ein wenig drankam, aus der Schiene. Tränen bei meiner Tochter, Gebrüll von meinem Schwiegersohn.
Der hat dann versucht, eine Flügelschraube (!) in die Schiene einzudrehen. Hat nicht geklappt. Dann hat er einen Korken zurechtgeschnitzt und in die Schiene gesteckt. Hat nicht geklappt. Dann ist er 23 km gefahren bis zu einem Fachgeschäft für Raumdekoration. Der Raumausstattermeister hat ihn schadenfroh angegrinst und erklärt: "Wir handeln leider nicht mit Kleinteilen!"
Am Wochenende hat mich meine Tochter angerufen. Ob ich denn nicht eine Lösung wüßte? Der Ehefrieden sei empfindlich gestört. Ich bin an sich mildtätigen Wesens und deshalb helfend eingesprungen.
Ich habe zwei Streifen Kaugummi gut durchgekaut, daraus einen Knubbel geformt, diesen in das Ende der Gardinenstange geschoben und meine Tochter ermahnt, die Schals zwei Stunden nicht zu bewegen, bis der Kaugummi ausgehärtet sei.
Mein Tochter hat mich geküßt. Meine Enkelin hat in der Schule verbreitet, ihr Opa sei ein Zauberer und könne mit Kaugummi eine Gardine an der Wand festmachen. Und mein Schwiegersohn hat säuerlich gelächelt und diesen Kommentar abgesondert: "Primitiv, aber es scheint ja zu halten!"
Ich habe mich nicht provozieren lassen. Ich doch nicht! Ich habe nur dezent angedeutet, dass ich sein Porträtfoto auch noch anderen Medizinischen Hochschulen zukommen lassen werde.
Wolfram Dübbel |