Unser Autor bereut sein Vorurteil, in Baumärkten wären nur Verkäuferinnen und Verkäufer tätig, die entweder nicht auffindbar seien oder keinen fachlichen Rat erteilen könnten (oder beides). Anlass war das Problem, im Dachgeschoss seines privaten Palazzo eine Trittschalldämmung einzubauen. Dadurch erhöht sich der Fußboden um 15 mm. Ergo müssen die Türblätter um 15 mm gekappt werden. Doch lesen Sie bitte selbst.
Ich bin doch kein Tischler!Also, meine Türen im Dachgeschoss sind ganz normal. Ohne Glasfüllung, noch nicht einmal lackiert, aber furniert. Und nun müssen Sie um 15 mm gekürzt werden. Meine Gattin: "Nun überleg' nicht so lange, nun fang schon an zu sägen! Weshalb hast Du eigentlich für zischtausende Mark Maschinen in Deiner Werkstatt."
"zig" spricht sie zischend aus, also "zischtausend".
"Meine liebe Frau", zische ich zurück, "vor schwierigen Operationen wird selbst ein erfahrener Chirurg einmal nachdenken dürfen! Wenn ich einfach drauflossäge und das Furnier reißt ein, dann möchte ich nicht hören, wie Du mich mit Spott und Hohn übergießt."
Also denke ich nach. Bis gegen Mitternacht. Dann kommt mir der Gedanke, die berühmte Fachredaktion von "baumarkt.de" anzumailen. Nach zwei Tagen immer noch keine Antwort. Jetzt schlägt's aber 13! Ich rufe an, schließlich gehört man ja zum selben Stall. Am Telefon ist Frau X, den Namen will ich um des lieben Betriebsfriedens nicht nennen. Denn Frau X ist - unter uns gesagt - meine Lieblingsfeindin, seit ich ihren Früchte- mit Abführtee vertauscht habe.
Frau X äußert sich honigsüß: "Auch für Sie, l i e b e r Herr Dübbel, gilt: Alles der Reihe nach. Vor Ihnen liegen noch 23 andere Anfragen. A l l e s der Reihe nach!"
Nun rufe ich das Herstellerwerk an. Die müssen ja einen technischen Kundendienst haben. Haben sie auch, wie Sie gleich erfahren werden.
"Hallo, mein Name ist Dübbel. Ich habe eine Frage an Ihren technischen Kundendienst. Ich möchte wissen, wie man eine Innentür um 15 mm kürzt, ohne daß das Furnier ausreißt. Bitte verbinden Sie mich!"
"Dazu brauche ich Ihre Postleitzahl!"
"Meine Postleitzahl?"
"Ja, Sie werden dann mit dem Berater Ihres Bezirks verbunden!"
Ich nenne meine Postleitzahl - und es tutet und tutet. Mein "Bezirksberater" telefoniert, das Gespräch landet wieder bei der Zentrale. Die Dame ist leicht indigniert, mich schon wieder am Hörer zu haben. "Ach Sie mit Ihrer Tür, die Sie absägen wollen! Da kann ich jetzt auch nichts machen, da müssen Sie später noch mal anrufen!"
"Ja, aber es wird mir doch jemand anders einen Rat geben können!"
"Ja wo kämen wir denn da hin, wenn ich alle aus Postleitzone 41 bis 45 nach Postleitzone 61 bis 65 verbinden würde. So geht es ja auch nicht!"
Ich bin zerknirscht. Und rufe 30 Minuten später noch einmal an. Oh Wunder - mein Bezirksberater ist nicht besetzt. Er heißt Schnurchel und versteht mein Problem sofort. Er versteht es! Aber er kann es nicht lösen:
"Ja, ich bin nur Berater, aber kein Tischler!"
Es ist inzwischen Feierabend. Für mich, nicht für den Einzelhandel. Und so erwische ich tatsächlich in meinem Baumarkt noch einen Berater. Den an der Plattensäge. Er ist sogar bereit, den Ohrschutz abzunehmen und mich anzuhören. Und dann erteilt er den guten Rat, zu dem mir bislang niemand verhelfen konnte:
"Am besten gehen Sie zu einem Tischler!"
Wolfram Dübbel |