Wenn es um das deutsche Bauwesen geht, ist die DIN eine Hydra, der man noch so viele Köpfe abschlagen kann - es wachsen immer weitere nach. Hunderte DIN- Regelwerke machen den Architekten, Bauunternehmern und Handwerkern das Leben schwer, obwohl - was die in den zahllosen Ausschüssen sitzenden und brütenden Fachleute möglichst nicht wahrhaben wollen - die DIN keine Rechtskraft hat. Es sind Regeln - nicht mehr und nicht weniger. Unsere Vorfahren kannten keine DIN. Man besuche Städte wie Goslar oder Celle und wundere sich darüber, dass Zimmerleute vor 400 Jahren Häuser gebaut haben, die heute noch stehen - und das ohne DIN. Lesen Sie, was unserem Autor zur Neuregelung der "Fensterfugen-DIN" eingefallen ist.
Die FugenfüllmaterialverfüllungsverordnungWie verschließt man die Fuge zwischen Fensterrahmen und Wand, wenn man ein neues Fenster einsetzt? Mit Hartschaum, würden Sie sagen. Würde ich sagen. Würden alle sagen. Das Verfahren ist seit 30 Jahren bewährt. Der Hartschaum (genauer: Polyurethanschaum) ist elastisch, bleibt luftundurchlässig, bietet einen guten Schallschutz und eine hohe Wärmedämmeffizienz. Vor allem aber bietet der Hartschaum in der Handhabung große Vorteile.
Und dann kam in diesem Jahr die überarbeitete ATV DIN 18355 heraus, die sogenannte Tischlerarbeiten-DIN. Und was steht da verklausuliert drin: Fugen sollen mit Mineralfasern ausgestopft werden. Das hat der "Deutsche Vergabeausschuss" (DVA) beschlossen. Dreimal darf man raten, wer in diesem Ausschuß Lobbyarbeit geleistet hat. Sie werden folgern: Die Mineralfaserindustrie. Ich würde das auch folgern. Alle würden das folgern. Aber NEIN, die haben mit dieser Neufassung nichts zu tun, ganz, ganz ehrlich! So ehrlich, wie man ährlich mit "ä" schreibt.
Natürlich haben dagegen protestiert (keine Satire):
- der AKPU arbeitskreis Polyurethanschaumhersteller - der BHKH Bundesverband Holz und Kunststoff - der FV GFF Fachverband Glas, Fenster, Fassade - der IVD Industrieverband Dichtstoffe - der Industrieverband Polyurethan-Hartschaum - der VFF Verband Fenster- und Fassadenhersteller
und das "ift" Institut für Fenstertechnik hat sich auch zum Thema geäußert und ein Gutachten abgeliefert. Zum Problem selbst hat es Tagungen über Tagungen gegeben. Die Präsidenten bzw. Geschäftsführer haben sich dabei die Köpfe heiß geredet, die Mitglieder Dampf abgelassen in Richtung des DVA Deutscher Vergabeausschuss. Nun will der DVA für eine möglichst zügige Umsetzung von Änderungen sorgen. Und alle können aufatmen.
Nur Holger Brackmann, Geschäftsführer eines großen Tagungshotels in Frankfurt, ist verärgert: "Die vielen Tagungen wegen der Fugenfüllmaterialverfüllungsverordnung haben uns ordentlich Geschäft gebracht. Wir hatten deswegen 17 Tagungen mit Tagungspauschalen von insgesamt 37.023 Euro plus Übernachtungen in Höhe von 64.730 Euro." Und nachdenklich fügte Herr Brackmann, Sohn eines Tischlermeisters, fachkundig hinzu:
"Am besten wäre es, wenn Fugen lt. DIN ab sofort wieder mit Werg zugestopft werden - wie bei unseren Vorfahren. Dann laufen die Mineralfaserbefürworter auch noch Amok. Das brächte ein Tagungsgeschäft, sage ich Ihnen!"
Wolfram Dübbel |