Passivhaus - gibt es das wirklich?

  Schlechte Dämmung ist Standard
  Niedrigenergiehaus - das Maß aller Dinge?
  Haus ohne Heizung
  Wohnen ohne Schimmel
  Dreifachverglasung ist Pflicht
  Kontrollierte Wohnungslüftung
  Wärmetauscher und Wärmespeicher
  Bewährte Technik
  Geringe Verbreitung



Schlechte Dämmung ist Standard
Spätestens mit der Heizkostenabrechnung werden viele - egal ob Hausbesitzer oder Mieter - auf etwaige Schwachstellen ihres Hauses hingewiesen. Dass die Wärmedämmung schlecht oder nicht vorhanden ist, ist im Winter durch die kraftvolle Heizungsanlage vielleicht noch nicht aufgefallen - doch die Verbrauchswerte und die damit verbundene hohe Heizkostenabrechnung weisen auf einen hierzulande weitverbreiteten Missstand hin. Im Durchschnitt liegt der Energiebedarf der Häuser in Deutschland bei rund 300 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Ist ein Gebäude gemäß der Wärmeschutzverordnung 1995 gebaut, ist der Energiebedarf nur noch halb so groß. Die EnEV (Energiesparverordnung), die die WSVO abgelöst und für alle Neubauten und Umbauten ab 01.01.2002 Gültigkeit hat, gibt noch engere Richtwerte vor. Doch sind nach diesem Gesetz gebaute Häuser immmer noch keine Passivhäuser. In diesem Zusammenhang ist der Begriff des Niedrigenergiehauses in aller Munde.



Niedrigenergiehaus - das Maß aller Dinge?
Doch das Niedrigenergiehaus ist heute nicht mehr das Maß aller Dinge: Das sogenannte Passivhaus ist noch erheblich genügsamer - der Heizwärmebedarf ist so gering, dass eine Heizung schlichtweg überflüssig wird. Statt Radiatoren unter den Fenstern sorgt ein ausgeklügeltes Be- und Entlüftungssystem für eine angenehme Temperatur - und das im Sommer wie im Winter. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass Passivhäuser wegen der umfangreichen technischen Sonderausstattung , die statt einer herkömmlichen Heizungsanlage eingebaut werden muss, teurer sind, als vergleichbare Standardhäuser. Rechnerisch sollen sich die Mehrkosten über eine Energieeinsparung amortisieren, aber zwischen rechnerischen und praktischen Werten bestehen schon Unterschiede. Man wird also auf Langzeituntersuchungen angewiesen sein, die es begreiflicherweise erst ab 2010 geben dürfte.



Haus ohne Heizung
Das klingt zunächst unglaublich, ist aber bereits in der Praxis erprobt. Der Grund dafür, dass Passivhäuser vollkommen ohne Heizung und Klimaanlage auskommen, liegt allerdings nicht nur an der Bauweise und den verwendeten Materialien, sondern auch am gewählten Standort. Eine konsequente Ausrichtung nach Süden ist sehr sinnvoll. Noch wichtiger aber ist natürlich die Beschaffenheit der Gebäudehülle, an die höchste Ansprüche gestellt werden. Voraussetzung sind Außenwände mit einem U-Wert von 0,15 W(m²K) oder niedriger. Diese erreicht man beispielsweise mit einem Mauerwerk mit Wärmeverbundsystem (über 25 cm dick), mit Schalungselementen aus Polystyrol-Hartschaum (ca. 24 cm dick) oder mit vollgedämmten Leichtbauelementen mit Holz-Boxträger. Der U-Wert ist selbstverständlich für alle Bauteile einzuhalten, nicht nur für die Wände. Auch das Dach, die Kellerdecke und die Bodenplatte müssen entsprechend gedämmt werden. Ganz wichtig ist eine luftdichte und wärmebrückenfreie Ausführung.



Wohnen ohne Schimmel
Da die Innenwände im Passivhaus aufgrund der aufwendigen Dämmung nicht auskühlen, gibt es keine spürbare kalte Abstrahlung mehr - man fühlt sich einfach wohlig-warm. Zudem kommt es durch den geringen Temperaturunterschied zwischen Raumluft und Wand bzw. Fenstern nicht mehr zu Tauwasserbildung. Die Bauteile halten länger und zudem kommt es nicht mehr zu Schimmelbildung. Dies ist jedenfalls die Aussage derjenigen, die Passivhäuser planen und bauen. Auch hier werden Langzeituntersuchungen ergeben müssen, ob diese Aussage eingeschränkt oder uneingeschränkt gilt.



Dreifachverglasung ist Pflicht
Besonderes Augenmerk erfordern neben den supergedämmten Wänden natürlich auch die Fenster: Hier sind Dreifachverglasungen mit zwei Beschichtungen Pflicht. Messungen zeigen, dass durch die hauchdünne Edelmetallbeschichtungen der Scheiben und die Befüllung der Zwischenräume mit Edelgasen wie Xenon oder Argon selbst im tiefsten Winter die Temperatur an der Innenfläche der Fensterscheiben nicht unter 17° C absinkt. Übrigens sind im Winter bei der Verwendung dieses teuren Glastyps auch in unseren Breiten die Wärmegewinne durch die Sonneneinstrahlung höher als die Wärmeverluste. Doch Fensterglas alleine macht noch kein Passivhaus: Auch die Fensterrahmen müssen entsprechend konstruiert sein, damit nicht durch einen dünnen Alu-Rahmen dann doch noch die wohlige Wärme entfleucht.






Kontrollierte Wohnungslüftung
Die kontrollierte Wohnungslüftung mit Wärmerückgewinnung durch einen Gegenstromwärmetauscher - ohnehin für die Einhaltung einer guten Raumluftqualität sehr sinnvoll - wird im Passivhaus genutzt, um im Winter Wärme und im Sommer Kälte im Haus zu verteilen. Die benötigte Haustechnik für Heizung, Warmwasser und Lüftung lässt sich heute in hocheffizienten Kompaktgeräten von der Größe eines Gefrierschranks unterbringen. Da Passivhäuser so effizient gedämmt sind, ist die zusätzlich benötigte Heizlast selbst im Winter minimal.





Wärmetauscher und Wärmespeicher
Das Ganze funktioniert wie folgt: Verbrauchte Luft wird aus Küche, Bad und WC abgesaugt. In einem Wärmetauscher werden 80 Prozent der Wärme an die kalte, frisch zuströmende Luft abgegeben. Diese strömt dann in die Wohn-, Ess-, Kinder- und Schlafzimmer. Die Abluft kann nach dem Durchströmen des Wärmetauschers noch etwas Wärme an eine Kleinstwärmepumpe abgeben, die die Energie in einem Warmwasserspeicher einbringt. Der wird regulär durch Strom beheizt, kann natürlich auch durch eine Solaranlage ergänzt werden. Ein Teil der gespeicherten Wärme wird bei Bedarf abgezweigt und erwärmt im Winter die Zuluft. Hier ist das sonst übliche Prinzip auf den Kopf gestellt. Statt die Heizung auch die Warmwassererzeugung übernehmen zu lassen, erledigt hier der Wärmespeicher nebenbei die Heizung mit. Als praktischer Nebeneffekt sinken die Heizkosten auf lediglich 55 bis 110 Euro im Jahr. Rechnet man den Energieverbrauch zur besseren Vergleichbarkeit auf den Heizölverbrauch um, bedeutet das, dass ein Passivhaus lediglich auf einen Verbrauch von 1,2 bis 1,5 Liter pro Quadratmeter im Jahr kommt. Bei Altbauten ist ein Verbrauch von 20 Litern und mehr dagegen keine Seltenheit.





Bewährte Technik
Die verwendeten Techniken und Technologien sind im Prinzip dieselben, die auch beim Bau eines Niedrigenergiehauses genutzt werden - nur ausgefeilter und wesentlich konsequenter angewendet. Das hat zur Folge, dass die Baukosten natürlich höher sind, die Energiekosten aber niedriger. Die Zusatzkosten für ein typisches Einfamilienhaus lassen sich vergleichsweise leicht ermitteln: Die Lüftung schlägt nach Angaben des Passivhaus Informationskreises (Darmstadt) mit rund 4500 Euro zu Buche. Das supergedämmte Dach wird pro Quadratmeter etwa 20 Euro teurer als die herkömmliche Lösung, die Fassadenfläche wird pro Quadratmeter um 19 Euro teurer. Die Bodenplatte kostet mit der hochwertigen Dämmung 10 Euro pro Quadratmeter mehr. Die Fenster mit Dreifachverglasung fallen leider finanziell etwas aus dem Rahmen. Pro Quadratmeter Fensterfläche muss man knapp 110 Euro an Mehrkosten einkalkulieren. Insgesamt kann man grob davon ausgehen, dass ein Reihenmittelhaus nach Passivhaus-Standard im Vergleich zu einem nach der Wärmeschutzverordnung von 1995 errichteten Gebäude um rund 8.400 bis 11.200 Euro teurer wird. Berücksichtigt man die Energieeinsparung sowie die Zinsvorteile durch die Passivhausförderung der Kreditanstalt für Wiederaufbau und die Ökozulage, so kann sich sogar unterm Strich eine Ersparnis ergeben.





Geringe Verbreitung
Das Passivhaus hat auf den ersten Blick also eine Menge Vorteile. Ein Nachteil ist aber ganz sicher die (noch) sehr geringe Verbreitung. Ende vergangenen Jahres waren in ganz Deutschland erst 200 Passivhäuser bezogen. Architekten und Bauträger, die mit der neuen Bauweise bereits Erfahrungen gemacht haben, sind also im Augenblick noch Mangelware. Konservativen Häuslebauern dürfte auch die hohe Abhängigkeit von automatischen Lüftungssystemen und vergleichsweise exotischen Systemen wie Wärmetauschern und Wärmepumpen etwas suspekt vorkommen. Andererseits steigt die Zahl der fertiggestellten Passivhäuser rasch an: 1997 wurden 39 Wohneinheiten fertiggestellt, in 1999 waren es schon 150 Wohneinheiten. Statistiken werden seit 1999 nicht mehr geführt, wohl aber ist aus den Fördermitteln, die die KfH zur Verfügung stellt, eindeutig abzulesen, daß der Trend stark zunimmt:

  • 1999    326.499 € Fördersumme in Mio.
  • 2000    529.746 € Fördersumme in Mio.
  • 2001    575.113 € Fördersumme in Mio.




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