So gut die altbewährte Luftkalktechnik auch für Alt- und Neubau geeignet sein mag - planungs- und ausführungsbedingte Verstöße gegen die Handwerksregeln lassen sie grausamst scheitern.
Früher waren Massivbauten - unsere Baudenkmale beweisen es - mit Kalktechnik dauerstabil und "nachhaltigst" erbaut. Das war Handwerksbrauch - dank Handwerksehre, -kunst und -fleiß. Und heute? Selbst den renommiertesten Restaurierungsfirmen gelingt die auf Anhieb mängelfreie Kalkleistung so gut wie nie. Da kann der Kalk-, Mörtel- oder Anstrichlieferant ebenso wie der Bauleiter und die ISO 9001 noch so oft vorbeigucken.
Der zugestandene Vorteil der modernen Alternativen - Hydraul- und Kunstharzbaustoffe - besteht jedoch nur für den Verarbeiter: Sie verkraften eher den Pfusch mit Mängelfolgen, die erst nach der Gewährleistungszeit so richtig sichtbar werden. Und dann immer die Originalsubstanz schädigen. Im Gegensatz zum opferwilligen Kalk, der schnell zeigt, was Fehler ist und im Schadensfall zwar schnell versagt, jedoch ohne zerstörerische Folgen für den Originalbestand.
Der übliche Handwerksmist gedeiht trotz Herstellerberatung und technischer Begleitinformation. Falsch eingesetzte, verwässerte, vertrocknete oder gar falsch mit Zuschlag, Bindemittel oder Zusatz nachrezeptierte Eigen- oder Fremdmischungen sind geradezu Standard am Bau. Hauptsache schnell und billig. Deshalb muß die Planung und Bauleitung den auch bei Fachbetrieben immer drohenden Handwerksfehlern durch Detail, VOB-sichere Leistungsbeschreibung und Vergabe sowie ergebnisbewußte Objektüberwachung und Vertragsgestaltung gegensteuern. Wenn alle Stricke reißen ist es ja für den Bauherrn gut, wenn hinter dem insolvenzverdächtigen Handwerkspfuscher noch eine Produzentenhaftung steht. Eben für alle Fälle. Es geht also um ein Bauteam, in denen die Planung, Herstellung und Ausführung ihre fachbezogenen Kompetenzen, Kontroll- und Qualitätssicherungssysteme - sicherheitshalber vertragsgestützt - voll einbringen müssen. Das gilt besonders für das Handwerk, in dem eben sündige Menschen und nicht seelenlose Maschinen die Leistung erbringen.
Die folgenden Hinweise nennen typische Fehler. Sie können dem interessierten Bauherrn, Handwerker, Planer und Bauleiter als Leitfaden zur Schadensvermeidung bei der Kalktechnik dienen:
A) Verarbeitungsbedingte Fehler
1. Falsche Rezeptur
Es ist kaum zu fassen, welche entscheidende Rolle das Baustoffrezept spielt - gerade in der Kalktechnik. Kunstharze, Öle, Hydraulen, Mineralzuschläge vom Quarz- über Sandsteinbrechsand bis zu Marmormehl und Mikrosilika, vergütende Zusätze verschiedenster Herkunft werden im besten Glauben zusammengemischt, meist nahezu undeklariert und in der stillen Hoffnung, daß es diesmal klappen wird. So entstehen Luftkalkmörtel, Luftkalkputze, Kalkschlämmen, Kalkestriche, Verlegemörtel, Kalktünchen, Kalksinterwasser, Kalkmilch, Kalkspachtel und Kalkkitte für innen und außen, für Mauerwerksinjektion, Vermauerung, Injektion hohlliegender Beschichtungen, Fehlstellenergänzung im Natursteinbereich, Fugmörtel, Bodenbelagsarbeiten, Flächenfestigung auf absandelnden Untergründen und Anstricharbeiten mit komplexen technischen Randbedingungen in buntester Materialvielfalt.
Allerdings, die Erfahrung lehrt: Auch im handwerks- oder laborgerechtesten Rezept des ausgewiesensten Genies kann es Probleme geben. Wasseranspruch, Schwinden, Aufbrennen, Abmehlen und -pudern, Abbindestörung, Ausblühen, Abfrieren usw. sind die Merkmale nicht nur für mangelhafte Verarbeitung sondern vielleicht auch für falsche Rezeptur. Das Bindemittel-Zuschlag-Verhältnis, die Sieblinie, die vergütenden Zusätze - alles kann ja daneben gehen. Und Nobody is perfect. Nicht gerade selten geht die Chose daneben. Das kann überraschen.
Man muß also sehr genaues Erfahrungswissen im Planungs-, Handwerks- und Produzentenbereich zusammenführen, um für die unterschiedlichsten Fälle jeweils das geeignetste Produktrezept aus der ganzen Palette der Möglichkeiten auszusieben. Ohne praxisnahe und handwerklich korrekte Betestung inkl. Wasser- und Frostangriff geht es trotz hoffnungsfroher Ansagen der Beteiligten gerne daneben, gerade bei objektspezifischen Lösungen. Den objektiven Wahrheitsgehalt des Planer-, Handwerks- und Produzentensprüchleins dürfen wir ja nicht nur betreffend Terminzusagen, Lieferfristen, Ausführungsqualität, Leistungsumfang, Kostenprognose, Beschimpfung Abwesender und Reinwaschung seiner Selbst anzweifeln.
Man sollte schon wissen, welche Folgen für die Termin- und Kostenplanung, die Ausführung und Dauerstabilität sich aus den unterschiedlichsten Produktrezepturen und ihren jeweiligen Besonderheiten bis zum Aufzäumen der Bemusterung vor Ort abzuleiten sind. Dann kann es trotz aller menschlichen und technischen Hindernisse klappen, die gegenüber anderen Materialkonzepten beste Ausführungsvariante zu verwirklichen. Eben das (Kalk-)Wunder am Bau.
2. Schlechte Untergrundvorbereitung
Trennschichten am Untergrund wie Altputzreste, Staub, Verschmutzung, Moos-, Algen- oder Wurzelbewuchs stören die Mörtel- und anstrichhaftung. Werden sie nicht sorgfältig entfernt, sind Ablösungen und mangelhafter Flächenverbund des Neumaterials die Folge. Auf Natursteinuntergründen muß eine Haftbrücke, am besten aus Staubkalkschlämme mit verstärkter Kornbindung, aufgebracht werden, um den dauerhaften Flächenverbund von Neubeschichtungen sicherzustellen.
Unterschiedlich und schlecht saugender Untergrund und Altoberflächen stören das gleichmäßige und durchgreifende Abbinden der neuen Schicht. Aufbrennen mit schlechter Putzhaftung, ungenügende Kornverankerung am Untergrund, Abbindestörungen und Risse sind die Folge. In der Frischschichtphase und danach muß der Untergrund ausreichend feucht gehalten werden: durch ausgiebiges Vornässen schon am Tage vor dem Kalkauftrag, dann vor dem Beschichtungsbeginn und gegebenenfalls (warme Witterung, eingeschränkte Saugfähigkeit des Untergrunds) durch Nachbefeuchtung, um das Abbinden nicht vorzeitig zu unterbrechen.
Besonders bei stark saugenden Untergründen wie Tuff, Kalksandstein oder niedrig gebranntem Ziegel ist die Aufbrenngefahr besonders hoch. Hier muß besonders gut vorgenässt und eine dünne Spritzbewurflage als Haftgrund für die folgenden Putzlagen aufgebracht werden. Ist es schon zu Ablösungen der mißlungenen Putzschicht gekommen, kann mit injiziertem Luftkalkmörtel eine Anbindung erreicht werden.
Wenn Vertiefungen im Untergrund nicht zuerst ausgemörtelt, sondern mit der ersten Lage zugemörtelt werden, entstehen besonders starke Schichtlagen. Sie trocknen nur langsam aus, bilden durch alle Folgeputzlagen gehende Schwundrisse und sind stark frostgefährdet.
3. Zu starker Mörtelauftrag und Bindemittelschwächung durch zu hohe Pigmentzugabe
Kalkmörtel sind Dünnschichtsysteme. Es gilt grundsätzlich die Dreikornregel. Je Lage darf in Abhängigkeit des Rezepts die maximal drei- bis (bei gröberen Fraktionen) allerhöchstens sechsfache Korngröße bei max. 2,5 cm Schichtdicke als Putzstärke aufgetragen werden. Die typische Katastrophe unerfahrener Verarbeiter: Mehrmillimetrige Spachtellagen aus Mehlkorn-Mörteln (0-0,1 mm). Das schrumpft, reißt (innen und außen) und löst sich vor allem außen baldigst ab. Feinkornmassen, egal ob bindemittelreich oder -arm, binden obendrein erhebliche Wassermengen, die bei entsprechender Lagenstärke nicht vor Frostangriff abtrocknen, bei Vereisung im Spachtel keine Ausdehnräume besitzen und somit den Totalschaden schon nach der ersten Befrostung garantieren. Der Gipfel: Überpigmentierte Finish-Spachtelschwarten ohne ausreichende Verbundwirkung. Merke: Pigmentzugabe allerhöchstens 5 %, mehr nur bei fachgerechter Zugabe kalkverträglicher Zusatzbindemittel wie vollaufgeschlossenes (besiedelungsfeindliches) Kasein oder hochtourig dispergierter Kalk mit erhöhter Bindekraft.
Zu dicke Auftragsstärken vergrößern den Abstand der Mörteloberfläche zum Untergrund. Die beim Austrocknen und Abbinden des Frischmörtels von außen nach innen sich aufbauende Spannungen werden dann von der "dicken Schwarte" nicht zuverlässig aufgenommen. Risse und Hohllagen sind die Folge.
In stark beregneter witterungsexponierter Lage wandern das nicht carbonatisierte Calciumhydroxid und bei schwefelsaurem Regen das zu wasserlöslichem Calciumsulfat/Gips umgewandelte Calciumcarbonat im Untergrund an die Oberfläche und bilden dort feuchterückhaltende Krusten. Der Untergrund wird dadurch bindemittelarm und verliert seine Festigkeit. Im Ergebnis sitzt eine harte Kruste auf einem entfestigten Grund, die Kruste löst sich ab. Trocknungsblockierende Anstriche wie Dispersionen und Wasserglasanstriche dramatisieren diesen natürlichen "Alterungseffekt".
Wenn dicke Mörtellagen nicht rechtzeitig vor dem Winter bzw. Bewitterung austrocknen und ausreichende Frühfestigkeit erreichen, frieren sie auf und schwemmen ungebundenes Bindemittel aus. Der Schutz der Leistung vor vorzeitiger Bewitterung und Frostangriff bis zur Abnahme ist Sache des Auftragnehmers.
4. Mangelhaftes Aufrauhen der Frischmörtel-Oberfläche
Wurde der beim Auftragen oberflächlich verdichtete Frischmörtel nicht genug aufgerauht, entstehen eine geringere Gesamtoberfläche und eine sperrende Sinterhaut aus Kalkkristallen. Dies verringert die Carbonatisierungsgeschwindigkeit infolge CO2-Zutritt aus der Luft. Der Mörtel trocknet und erhärtet langsamer. Die trocknungsbedingte Versinterung der Oberfläche reichert dort Bindemittel an, verschärft bei mit zu viel Wasser plastifiziertem Mörtel der Deckschicht. Der ungleichmäßige Festigkeitsaufbau im Mörtelquerschnitt führt dann zu Rissen. Die gebremste Trocknung erhöht die Frostgefahr. Klassischer Fehler beim Verstrich von Fugmörtel mit dem Fugeisen im nassen Zustand: Anreicherung von Feuchtigkeit, Feinkorn und Bindemittel an der Oberfläche. Das führt zu Frostschäden und vermindert dort die Abbindung des Mörtels wegen zu hoher Verdichtung und Trocknungsblockade der Oberfläche. Ausbluten der unzureichend erhärteten Bindemittel und gestörte Untergrundanhaftung wg. Aufbrennen der hinteren Zone kann obendrein die Folge sein. Abhilfe: Lagenweise korrekter Schichtaufbau mit ausreichender Feuchteversorgung, Abkehren der überfeinen Oberfläche noch in der Frischmörtelphase mit einem Besen, Nachbefeuchtung bis zur Abbindung.
5. Kalkmörtel ohne Witterungsschutz durch bindemittelreichen Anstrich
Die kapillaraktiven Luftkalkmörtel können Feuchte schnell aufsaugen, aber auch um den Faktor 10 schneller als Zementmörtel über die ganze Oberfläche wieder abgeben. Ungestrichene oder nur pigmentierte Kalkputze sind in hohem Maße frostgefährdet, vor allem bei hohen Schichtstärken. Stark bewitterte Putzflächen, insbesondere bei großen Gebäudehöhen, müssen deswegen mit einem Kalkanstrich geschützt werden.
Ein kalkverträglicher Anstrich (freskale Kalktünche, Kalk-Kasein-Anstrich) vermindert das Porenvolumen des Mörtels in seiner direkt bewitterten Zone. Die sich daraus im Mörtel ergebende Porengeometrie bremst eindringendes Wasser ab, sorgt aber gleichzeitig für verstärkte Kapillarentfeuchtung von innen heraus. Die kapillare Feuchtewanderung funktioniert nämlich nur von Grob- in Feinporen, nicht umgekehrt.
Beregnung füllt deshalb vorwiegend die Anstrichzone - abgesehen vom kapillaren Feuchteeintrag in durchgehende Rißbereiche. Die vollgesaugte kleinporige Anstrichzone dichtet tieferliegende grobporige Putzschichten ab. Überschüssiges Regenwasser dringt dann nicht mehr ein, sondern läuft an der Fassade nach unten. Der über die Risse tiefer eingedrungene Regen wandert im Kapillarsystem beschleunigt an die Oberfläche. Ist sie wie bei Kalktünche nicht kapillarsperrend versiegelt, trocknet die Feuchte schnell ab.
6. Falscher Farbanstrich
Nicht alle Anstrichsysteme sind für Kalkputzuntergründe geeignet - trotz gegenteiliger Herstellerangaben. Die erforderliche Druckfestigkeiten des Malgrunds, durch das Farbsystem erzeugter Salzeintrag in den Malgrund und seine Folgen für die Putzstabilität setzen hier enge Grenzen. Eine Volldeklaration der Farbinhaltsstoffe und die Angabe dauerhaft bewährter Referenzflächen sind ein Muß am Baudenkmal. Falsche Baustoffanwendung kann die beste Handwerksarbeit zunichte machen!
Auf Kalkmörtel ungeeignete Anstrichsysteme verursachen oberflächennah zu hohe erhärtungsbedingte und schadsalzreiche dichte feste Mörtelbereiche, die sich dann über kurz oder lang abschälen. Moderne Anstrichsysteme auf Silikat- und Kunstharzbasis sind oft wasserabweisend (hydrophob). Diese behindern nicht nur bis zu ihrer unausweichlichen Versprödung die direkte Wasseraufnahme, sondern auch die Kapillarentfeuchtung von innen her. Schadsalz und Feuchte, in Altfassaden immer vorhanden, wandern ebenso wie gelöstes Calciumhydroxid und in Gips umgewandelter Kalkstein kapillar zur Oberfläche. Wassersperrende Malschichten behindern den Abtransport der Schadstoffe und die Trocknung [2].
Dampfdurchlässige Beschichtungen lassen täglich Kondensat eindiffundieren, die unvermeidlichen Rißsysteme nehmen auch Regenwasser kapillar auf.
Falsche, das heißt kapillar sperrende Anstrichsysteme blockieren die Trocknung und damit die innere Carbonatisierung des Kalkputzes über seine gesamte Lebensdauer. Er wird nicht mehr ausreichend stabil und klingt hohl bzw. dumpf. Endergebnis: abschollende Farb- und Mörtelschichten, Frostzerstörung und Aufmehlen des tieferliegenden Mörtels. Da mit zunehmender Carbonatisierung auch die Trocknungsgeschwindigkeit zunimmt, erhöhen blockierende Anstriche auch die Frostgefährung des Kalkmörtels.
Anstriche auf Kalkmörtel dürfen deren Oberfläche also nicht übermäßig verfestigen oder deren Kapillartrocknung nach innen abdichten bzw. blockieren. Die Wasserabgabe aus dem Mörtelsystem an die Umgebungsluft muß ebenso gewährleistet sein wie die Möglichkeit der nötigen CO2-Aufnahme zur Carbonatisierung.
Für Kalkmörtel sind nur stofflich ähnliche Systeme wie Kalk- oder Kalk-Kasein-Anstriche geeignet. Sie erfüllen bei geeigneter Rezeptur und Verarbeitung alle Anforderungen. Ein gegenüber anderen Anstrichsystemen erhöhter Abbau von Kalktünchen durch Umwelteinwirkungen ist nicht zu erwarten. Im Gegenteil: bei Bindemittelverlust oder Rissen heilt sich die Kalkoberfläche durch die Nachversorgung mit löslichem Calciumhydroxid aus dem noch nicht durchcarbonatisierten Luftkalkmörtel selbst. Die Fähigkeit zur Selbstheilung kann abhängig vom Carbonatisierungsfortschritt über viele Jahre zur Verfügung stehen.
Allerdings ist wie bei jedem Anstrich auch bei der Kalktünche oder -schlämme die handwerklich korrekte Verarbeitung Grundlage des Erfolgs. Übliche Fehler:
- ungenügende baustellenseitige Verdünnung (beachte Austrocknung durch Wasserverlust aus Gebinde) und demzufolge ungleichmäßiger und teils zu dicker Schichtauftrag. Es gilt hier ebenfalls die Dreikornregel - bei Größtkorn 0,3 mm also max. Schichtstärke 0,9 mm (Schlämme), bei 0,015 mm max. 0,045 mm (Tünche);
- zu hohe baustellenseitige Wasserzugabe zur "besseren" Verstreichbarkeit, dadurch Absinken der Zuschläge als Eimersumpf, ungünstige Anstrichkonsistenz, zu hohe Porosität mit zu geringer Kornanbindung des aufgetrockneten Anstrichs, in der Folge Abspülen, -mehlen, -stauben und -kreiden der nur lose anhaftenden Anstrichpartikel;
- zu hohe Schichtstärke, die zu Abplatzungen, Rissen und Abbindestörungen der Anstrichschicht führt;
- überhöhte Anreicherung von Anstrichschichtstärke in Tieflagen, Abplatzungen und Anstrichrisse sind die Folge;
- unzureichende Vorbefeuchtung des Untergrunds und Nachbefeuchtung des frischen Anstrichs bis zur Carbonatisierung und Untergrundabbindung. Dann brennt der Anstrich auf und mehlt ab bzw. bildet bindungsstörende Mehlschichten für die Folgeanstriche. Ein heißer Sommerluftzug kann das bewirken! Verschärfte Problemlage bei zu hoher Schichtstärke mit entsprechend erhöhtem Feuchtigkeitsanspruch und großer Schwundgefahr.
- zu hohe baustellenseitige Pigmentzugabe, so daß die Bindefähigkeit des Kalkes überbeansprucht wird und der Fertiganstrich übermäßig kreidet bzw. mehlt;
- geradezu Standard, um Handwerkerschweiß und Muskelkraft maximal zu sparen: ungenügende Aufmischung der Farbe während der Verarbeitung, so daß schwerere Bestandteile auf den Eimerboden absinken und die oben entnommene dünne Schlabberbrühe zwar wunderschön schwungvoll und spritzig aufzutragen ist, aber keine ausreichende Kornanbindung und Untergrundhaftung erhält und schnell abmehlt.
7. Witterungsbedingte/jahreszeitbedingt verzögerte Abbindung
Der beste Zeitraum für die Herstellung von Kalkmörtel im Außenbereich sind die frostfreien Monate (Ende April – Mitte Oktober). Kalkmörtel erhärten durch Aufnahme von CO2 aus der Luft. Vorher muß die entsprechende Menge an Wasser aus dem Putz abtrocknen.
Neben der langsam fortschreitenden Carbonatisierung setzt die Frühfestigkeit aber auch durch die Trocknung selbst ein. Ein richtig rezeptierter Luftkalkmörtel erreichen deshalb ausreichende Stabilitität und Frostsicherheit, auch wenn er noch lange nicht durchcarbonatisiert ist. Voraussetzung für beide Festigungsprozesse ist immer die Trocknung.
Hohe Luftfeuchte (Herbst) schränkt die Wasserabgabe, den davon abhängigen CO2-Zutritt und die Putzerhärtung ein. Frischer Luftkalkputz sollte weitgehend im Jahr des Mörtelauftrages durchtrocknen. Terminverzögerungen gefährden diese kalktypische Anforderung.
Falscher Bauablauf verzögert bzw. unterbricht die Mörtelhärtung. Ungenügend abgebundene Flächen sind dann im Folgewinter besonders frostempfindlich und können schichtenweise abfrieren. Zu dicke, von außen oder vom Putzgrund her wasser- bzw. salzbelastetete bzw. hinterläufige Putzlagen und ungenügende Trocknungszeiten der einzelnen Putzlagen steigern diesen Risikobereich.
B) Objektbedingte Fehler
1. Verwendung auf stark salz- und feuchtebelasteten Untergründen
Auf stark salz- und feuchtebelasteten Untergründen wie Sockelzonen im Spritzwasserbereich oder kondensatüberfrachtete Keller- und Erdgeschoßwände können Kalkmörtel bestandsschonend als Opferschicht eingesetzt werden. Eine Vermehrung der bauschädlichen Salze und Treibmineralbildung durch Reaktion der am Altbau immer vorhandenen Sulfatbelastung (Gips aus ursprünglicher Zugabe oder bewitterungsbedingter Kalkreaktion) mit C3A-Bestandteilen des zugeführten hydraulischen Bindemittels ist nur bei reinen Luftkalkmörteln ausgeschlossen. Ihrer starke Kapillarität saugt Feuchte und untergrundbedingte Salzbelastungen unbehindert auf.
Salz aus dem Untergrund kann durch den Frischmörtel hindurch auf der Oberfläche ausblühen und abgekehrt werden. In mit Hüllflächentemperierung klimastabilisierten Innenräumen ist dieser Vorgang auf die Frischmörtelphase beschränkt und nach dem Abtrocknen des Putzes abgeschlossen. Im Außenbereich kann sich das wiederholen, vor allem auch an streusalzgefährdeten Sockelputzen. Dann muß allerdings damit gerechnet werden, daß die Versalzung sich in den oberflächennahen Zonen anreichert und dort als abdichtende Trocknungsblockade wirkt. In solchen Fällen ist die Opferputzmethode angebracht.
Trocknen durchnässte bzw. frisch aufgebrachte Kalkmörtel vor der Frostperiode nicht rechtzeitig aus, friert ungenügend abgebundener und schlecht verarbeiteter Putz schollenartig ab. (Gottseidank schon nach der nächsten Frostperiode. Derartige Mängel werden also immer in der Gewährleistungsfrist sichtbar. Das erklärt den Widerstand von Pfuschbetrieben gegen die Kalkmörteltechnik.)
Wichtig ist deshalb ein kapillaroffenes Anstrichsystem, das der Salzbewegung möglichst wenig Widerstand entgegensetzt und deshalb bestandsschonender als schichtbildende Sperranstriche sein wird. Die Dampfdiffusion spielt bei diesen kapillarwirksamen Vorgängen keine Rolle. Dampfdiffusion : Kapillarwanderung = 1 : 1000!
Was freilich nicht geht: Flächiger Mörtelauftrag, vielleicht gar auf 0 ausgezogen, auf bewitterten wasserrückhaltenden Horizontalflächen. Das friert auf.
2. Falsche Sockelausbildung
Kalkmörtel im Sockelbereich werden besonders feuchtebeansprucht. Die Carbonatisierung läuft deshalb dort wesentlich langsamer ab. Feuchtigkeit kann am Sockel über drei Seiten in den Mörtel eindringen:
- Aus dem Untergrund geschädigter Mauerwerksbereiche, meist mit Salzfrachten,
- über den Putzquerschnitt als aufsteigende Feuchte,
- über die Putzoberfläche durch Spritzwasser, Schnee, tägliche Kondensation am kühlsten Bauteil, Hygroskopizität (salzbedingt erhöhte Feuchteaufnahme aus der Luft) durch Streusalz- und Nitrateintrag usw.
Für Kalkmörtel im Sockelbereich gilt:
1.Putzfläche nicht ins Erdreich führen, Abschluß oberhalb Gelände durch Anputzen an Holzlatte oder nachträgliches Abschneiden. Zusätzlich Putzquerschnitt vor Wasseraufnahme schützen (Anstrich).
2. Sockelputz gegen Spritz- und Tauwasser durch geeigneten Anstrich schützen.
3. Versalzte Fugmörtel entfernen.
4. keine feuchteblockierenden Sperrschichten, die den Anstieg des Feuchtehorizonts fördern.
5. Untergrund ausreichen vornässen, etwa 8 Tage austrocknen lassen, ausblühende leicht lösliche Salze abkehren und beseitigen. Auf gereinigtem Putzgrund mit essigsaurer Tonerdelösung vornetzen, um die Putzhaftung zu verbessern und die Salzeinwanderung in den Frischmörtel verringern.
6.Bei erheblicher Belastung ist der Kalkmörtel am Sockel in seiner Opferputzfunktion anwendbar und entsprechend seiner fortschreitenden Salzaufnahme auszutauschen. Oft genügt schon das Abkehren der durch den Frischmörtel gewanderten ausgeblühten leicht löslichen Salze.
7. Hat die Festigkeit des Sockelputzes gegenüber der Entsalzung und Entfeuchtung des Untergrunds Vorrang, kommen oft Sanierputzsysteme (hochhydraulische Bindemittel, Porenbildner, Wasserabweisung, Kapillarsperre) zum Einsatz. Auch dabei sind viele Ausführungsregeln zu beachten. Probleme: fehlgeschlagene Porenbildung, Überfestigkeit, auf wasserabweisendem Malgrund sind nur kunstharzhaltige Anstriche möglich, zwischen sulfathaltigem Putzgrund und Hydraulbindemittel entstehen Treibminerale.
3. Ungeschützte Ausführung von waagerechten Putzflächen
Abgeschrägte oder waagerechte Putzflächen im Bereich von Strebe-/Stützpfeilern, Gesimsen, Geländern, Balustraden, vorspringender Bauzier usw. nehmen sehr viel Regen- und Tauwasser auf. Diese Zonen bleiben lange feucht. Folge: Nässestau, Frostgefahr.
Im Anschlußbereich waagerechter zu senkrechter Mörtelflächen drohen konstruktive Risse. Hier dringt auch bei ordnungsgemäßen Anstrichsystemen Wasser ins Bauteilinnere ein.
Deshalb schützen Blech-/Natursteinabdeckungen diese Bereiche besser vor Durchfeuchtung.
4. Konstruktiv bedingtes Hinterlaufen der Putzschicht mit Wasser
In die Putzschicht kann Wasser auch über angrenzende Bauteilflächen eindringen:
- oberseitige, wasserdurchlässige Abdeckung, durch die Feuchte in den Putzquerschnitt gelangt (Mauerkrone/Natursteinabdeckungen usw.),
- stark saugende Natursteine und Mörtelfugen, die Putzflächen seitlich begrenzen (Naturstein-Eckquaderungen).
Trotz Oberflächenschutz gelangen auf diesem Wege erhebliche Wassermengen in den Kalkmörtel. Die Trennung der kapillaren Transportwege, auskragende Blechabdeckung und zusätzliche kapillaroffene Anstrichschichten können erhöhte Wasserbelastung verringern. Schutzmaßnahmen sind bei erhöhter Gefährdung objektgerecht vorzusehen.
Bei mechanisch beanspruchten Setz- und Lagerfugen (z.B. bewitterte Baluster, Säulen, Streben, Zierteile, Baufugen aller Art), die erheblichen bauwerks- bzw. witterungsbedingten Lasten ausgesetzt sind, kommt es zwangsläufig zur Fugenklaffung. Hier können Verstemmungen aus Bleiwolle die richtige Lösung sein.
Im Bereich von Anschlußfugen Fachwerkgefach-Holz ist ein abrißverhindernder Kellenschnitt nach wie vor die Vorzugsvariante. Hier kommt zwar Kapillarwasser rein - aber auch wieder raus. Wichtig: Keine feuchtigkeitssperrenden Gefachanstriche. Sonst läuft vermehrt Wasser in die unterste Gefachfuge und wird nicht ausreichend in der Fläche abgepuffert.
C) Sonstige Fehler
Das Verkaufsinteresse von Lieferanten und Produzenten der Baustoffe steht im diametralen Widerspruch zur ehrlichen Information über all die praktischen Schwierigkeiten im Umgang mit den Produkten, zu Produktbeschränkungen für den geplanten Einsatzbereich, zu den üblichen Fehlerquellen und all den sonstigen Umständen, die die Einsatzkatastrophe vorprogrammieren. Man will ja seinen Verkaufsschlager nicht schlechtreden. Dem Bauherrn, Planer und anbietenden Handwerker sowie Denkmalpfleger darf davon möglichst nichts zu Ohren kommen. Das könnte ja die erwünschten Umsätze verringern, die echten leistungsabhängigen Kosten offenbaren. Deshalb schreibt oder (wenn das Gehirnschmalz nicht reicht) mopst man Produktinfos von sonstwo zusammen (Beispiele können dokumentiert werden) und verbrämt sie mit blumigen beschönigenden Werbesprüchlein. Fragt man nach der Produktanwendung, tönt es vollmundig: Kein Problem! Null Problemo! Alles Suppä! Wahrheitsgehalt Null, Problemvermeidung ausgeschlossen, aber feinjustierte Verklausulierungen im Kleingedruckten, damit Haftungsübernahme möglichst auch. Versagensgemunkel aus der Gerüchteküche oder dem Wettbewerb wird abgewiegelt und professionell mit Gegenangriff gekontert. So können die sonstigen Beteiligten den wahren Aufwand unterschätzen, es kommt dann zu unterfinanzierten Baubudgets, zu Unterangeboten, die die tatsächlich erforderlichen Leistungen nicht abdecken. Das erzeugt automatisch Minderleistung, die oben genannten Fehler haben auch darin ihre Quelle. Wir kennen das von allen Branchen. Werden während der Ausführung dann die absonderlichsten Phänomene sichtbar, heißt es erstmal beruhigend: das ist normal, das wird schon, das kommt noch, das war doch immer so, keine Angst. Hauptsache, die Lieferantenrechnung wird gezahlt, die Nachlieferung bestellt. Liegt dann der Klumpatsch im Dreck, heißt es oberschlau: das Objekt, der Untergrund, der Handwerker, der Planer, der Bauherr, die Sonne, der Wind, der Regen, der Frost, die schwarze Katz, was weiß denn ich, vielleicht der Teufel oder der liebe Gott? Auf jeden Fall: Ich nicht! Denn ICH bin der King. Dafür brauch ICH keinen Doktor.
Und die Baufirma (von Handwerk traut man sich schon gar nicht mehr zu reden)? Die verspricht alles. Haben wir schon immer so gemacht, kennen wir uns aus, haben wir unsere Fachleute dafür, wir sind die Meister vom Fach. Kommt es mangels besserer Alternativen, dank unterstem Preisniveau und schlechtestmöglicher Leistungsbeschreibung zum Auftrag, kommt erst mal die Nachtragskiste für jeden vergessenen Furz, dann die Einwendung wegen DIN mit Verabschiedung aus der Gewährleistung, dann der Austausch vertraglich zugesicherter Baustoffqualitäten gegen minderwertigsten Müll, dann vor und hinter dem Rücken des Bauherrn und Bauleiters Einsparung möglichst vieler Leistungsaufwendungen, die handwerklich geboten wären.
Die oben erwähnten Ursachen für Kalklpfusch sind ja nur ein matter Abklatsch der praktischen Erfahrung. Sie können aber dennoch erste Hinweise geben, worauf geachtet werden muß. Und das ist schon etwas mehr, als man sonst bekommt, gell?
Schlußbemerkung
Dauerhafte Fassden aus Kalkmörtel setzen Materialkenntnis und Handwerkskunst voraus. Doch das gilt für alle Fassadenbaustoffe. Zumindest für den historischen Bestand bieten handwerklich rezeptierte Kalkmörtel ohne Synthetik und ungeeignete Hydraulverschnitte (Traß, Hydraulkalk, Zement, Hüttensand, amorphe Kieselsäure/Mikrosilica) die überlegene Technik: Sie sind dauerhaft bestandsverträglich - selbst im Versagensfall. Bindemittelbedingte Salzverseuchung, Treibmineralbildung, Überhärtung und Überdichtung der Fassadenkonstruktion ist bei reinen Luftkalkmörteln dauerhaft ausgeschlossen. Ihre Beständigkeit ist durch einen kalkverträglichen Anstrich unter Beachtung der o.g. Randbedingungen und Handwerksregeln auch dauerhaft zu gewährleisten.
Wenn ein Auftragnehmer also Bedenken gegen luftkalkgebundenen Kalkmörtel an der Fassade äußert, ist eines gewiß: Handwerkliche Qualität am Altbau, und das setzt neben Erfahrung eben auch Materialverständnis und sorgfältiges Arbeiten voraus, ist nicht unbedingt seine Sache. Mit welchem Baustoff auch immer.
Und was aus vielen gegebenen Anlässen - und das selbst bei hochwertigsten Objekten - noch anzumerken ist (Bauherrn und Planer aufgepaßt): Selbst die renommiertesten Firmen können qualitativ hochwertige Kalkprodukte der Planung gegen minderwertigste Eigenmischung des eigenen Gepansches ersetzen oder Originalprodukte aus Geldgier, Geldnot und/oder handwerklichem Unverstand strecken. Weil sie eben nix vom Baustoff verstehen. Gegenwehr: 1. Materialkontrolle durch striktestes Regime der Baustellenbelieferung (dann tauschen sie notfalls daheim unter dem Kopfkissen das Material aus und benutzen gefälschte Gebinde, deswegen): 2. Nur original versiegelte Originalgebinde zur Belieferung zulassen. 3. Rückstellproben der verarbeiteten Produkte an Baustelle unangemeldet entnehmen und von Materialprüfanstalt auf Übereinstimmung mit angebotenem Baustoff prüfen lassen. 4. Und die Bestellvorgänge durch Rückfrage beim Lieferanten bestätigen lassen. Der ultimative Tipp: Schlußabnahme von Kalktechnik erst nach Überwinterung und ausreichender Bewitterung. Der Kalk verzeiht keine Falschbearbeitung und zeigt alle Handwerksfehler sicher in der Gewährleistungszeit. Das ist ein großer Vorteil für den Auftraggeber.
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